Gemeinde Jennen innrerhalb der Grenzen des Kirchspiel Aulowönen (Aulenbach) 1939

Jennen

 

 

Politische Einteilung

 

Provinz:                          nördliches Ostpreußen           
Regierungsbezirk:          Gumbinnen

Landkreis:                      Insterburg [1]

Amtsbezirk:                    Aulowönen / Aulenbach Ostp [2]

Kirchspiel:                      Aulowönen / Aulenbach Ostp

Gemeinde:                     Jennen

Lage:                              südlich des Flusses Ossa 
bei  :                               21 km nördlich von

                                       Insterburg

 

 

Koordinaten

 

Geographische Lage:     N 54° 49´ 41´´    O 21° 44´ 57``

Ortsbeschreibung

 

Jennen, war ein vor 1620 gegründetes Scharwerksdorf (Bauerndorf) das erstmalig 1620 urkundlich als Gennen erwähnt wird. Weitere frühere  Namen  waren Tuttulen (vor 1700), Tutten (um 1730)  sowie  Jaennen (nach 1736). Die letzte Namensänderung in Jennen erfolgte vor 1874 und anders als vielen Nachbarsdörfern blieb dem Ort eine Umbenennung 1938 erspart.  Der um 1700 verwendete Ortsname Tuttullen leitet sich vermutlich vom litauischen  tutlys, tutullis = der Wiedehopf ab, der ursprüngliche Name Gennen, wohl von genys = Buntspecht. Im Dorf wurden 20 Siedlungen errichtet, der Volksmund nannte sie "Klein Berlin" oder "Uschmasch".

 

Gemeinde Jennen ( Messtischblatt 1197, Maßstab 1:25:000 - Jahrgang 1939)

Ein Scharwerksdorf war ein mit unfreien, meist preußischen Bauern besetztes Dorf. Ursprünglich handelte es sich um unfreie preußische Kriegsgefangene, später während der Preußenaufstände von 1260 gewaltsam befriedete preußische Bauern. Der Begriff Scharwerk entstammt dem althochdeutschen skara = Schar, im fränkischen sind die scaramanni die Klasse vom kleinen Dienstleiten für untergeordnete Arbeiten. Davon  abgeleitet ist Frondienst öffentlich-rechtlichen Charakters auf Ordens- und Staatsdomainen sowie privaten Gütern.

 

Im Zug der Einführung der Kreisordnung u.a. für die Provinz Preußen zum 13.12.1872 wurde die Landgemeinden - Verfassungen, die Regelung der ländlichen Obrigkeiten (14.4.1856) sowie in den nachfolgenden Jahren  die   Zugehörigkeiten   der    Gemeinde, Güter und Orte neu geregelt. Seit 1874 änderte sich die Namensgebung und die amtliche Zuordnung mehrfach, Jennen wurde jedoch in dieser Zeit nicht umbenannt und blieb auch stets dem Amtsbezirk Aulenbach (Aulowönen) zugeordnet.

 

Im Jahr 1912 wird das Dorf im Orts- und Verkehrslexikon des deutschen Reiches wie folgt geführt:

 

Jennen:  D.(orf), Pr.(eußen), Ostpr.(eußen), RB. (Regierungsbezirk) Gumbinnen, Lkr. (Landkreis) AG (Amtsgericht), Bkdo (Bezirkskommando)  Insterburg,  P(ost)  Aulowöhnen, E.(isenbahn) 1,9 km  Eichhorn (Landkreis Insterburg); 196 E.(inwohner), Stda (Standesamt) A.(ulowöhnen)  [3]

 

Jennen war sowohl ein Bauerndorf als auch Gemeinde im Kirchspiel Aulenbach (Ostp). Am Ort gab es eine Schule,    Standesamt  und Gendarmerie waren in Aulenbach, Post Jennen  über  Szillen.  Im Jahre 1939 hatte Jennen 171 Einwohner [4]. Kurzfristig war der Amtsvorsteher des Amtsbezirkes Aulenbach in Jennen ansässig.

 

Jennen existiert nach 1945 unter dem Namen Podlesnoe (Подлесное) und ist russisch dem Kreis Tschernjachowskij Rayon, Insterburg (Черняховский р-н) zugehörig. Der Siedlungsplatz existiert mit einigen Häusern bis heute. Im Jahr 2016 stand noch ein Haus (siehe auch Bericht: Das letzte Haus von Jennen)

 

Ort Jennen ( Messtischblatt 1197, Maßstab 1:25:000 - Jahrgang 1939)

 

Geschichtliches und Geschichten

 

Das Dorf wird um 1620 gegründet worden sein, in diesem Jahr erfolgte eine erste Erwähnung. Lorenz Werkmann erhielt 10 Hufen bei Jennen, die wüst lagen;  Am 21.07.1620 folgt die Erwähnung von Georg Ackermann, dem 6 Morgen Übermaß zwischen Jennen und Linskeiten und 11 Morgen Wiesenwuchs, Groß Kriplauken genannt zugesprochen wurde. Es folgt am 17.12.1620 Otto Werkmann erwähnt, der zwischen den Dörfern Lieszlaiken und Jennen 10 und 20 wüste Hufen erhielt. Auch der Krug zu Jennen entstand bereits 1620 [5]. In den Jahresabrechnungen der preußischen Ämter findet sich im Jahre 1680 für das Kammeramt Saalau folgende Erwähnung:   

 

Eine Kirche zu Groß Auluwöhnen. Der Pfarrer ist Christopherus Voigt, hat im gleichen 4 Widdemshuben im selben Dorffe und sind zur selben Kirche gewiedmet nachfolgende  Dörfer: … Tutullen oder Jennen: 5 Huben 4 Morgen,  24 Reichthaler  [6].

 

1785 wird das Dorf Jennen oder Tutten wie folgt beschrieben:  Scharwerksdorf, 12 Feuerstellen, Landrätlicher Kreis Tapiau, Amt Lappönen, Patron der König,

 

1815 ist das Dorf bis 30.04.1815 zum Königsberger Departement gehörig, dann wird es zum Regierungsbezirk Gumbinnen geschlagen:   Bauerndorf, 13 Feuerstellen, 94 Bewohner, Amt Lappönen.

 

Am 10.04.1824 soll lt. Amtsblatt das Welsch und Metschukat´sche Bauergrundstück abermals zur Verpachtung ausgeboten werden [ 5 ].

 

Früh am 19.1.1945, dem Tag der russischen Offensive und für die meisten Einwohner der Tag der Flucht aus ihrer Heimat (siehe Bericht unter Aulowönen), hatten russische Panzer Jennen bereits besetzt.

 

 

Jennen, Skardupönen mit Mühle auf der Karte des Deutschen Reiches (1:100 000) 1893

 

Eduard Grigoleit [7]

Mühle in Skardupönen

 

 

Auszüge aus den „Grund-Acten des … Preußischen Kreisgerichts Insterburg Mühlengut Skardupönen Nr. 7“ belegen, dass diese Mühle (erbaut 1736) in Jennen Grundbesitz hatte. Von 1821 bis 1851 befand sie sich im Eigentum von Ferdinand Balk. Zu dem Mühlengrundstück gehörten um 1850  8 Morgen, 147 Ruten Land und das Bauerngrundstück in Jennen Blatt 15 in Größe von 14 Morgen und 58 Ruten. Das Ganze ging am 16.3.1851 in den Besitz des Grundbesitzers Otto Balkwitz in Alischken für 2.300 Reichthaler über.

 

 

 

 

Gerhard  Dalheimer [8]

Volksschule Jennen

 

Für die Kinder vieler Generationen begann hier der Ernst des Lebens, der Kampf um´s Dasein! Schon früh muss es in Jennen eine Schule gegeben haben, vielleicht schon zu Zeiten, als der Unterricht nur im Winterhalbjahr stattfand. Und schon damals beklagten  sich die Kinder, dass sie nie aus der Angst rauskämen. „''Im Winter die Schul´ und im Sommer die Gewitter!''“ –  aber im Nachhinein erinnert man sich gern zurück!   "Klumpengymnasium" war meines Vaters Spaß - Bezeichnung für seine Schule (auf einer anderen war er nicht!). Damals gingen bestimmt viele Kinder mit Klumpen (vergleichbar mit Holzschuhe (Klocks) in die Schule und wechselten diese dann gegen Hausschuhe im  Vorraum des Klassenzimmers.

 

Vaters "Klumpengymnasium, Aufnahme vor Ostern 1904, Obere Reihe: 1.v.l. Erich Dalheimer. An der rechten Seite des Lehrers sein Bruder Reinhold, wahrscheinlich auf „Schnupperkurs“, denn er wurde erst nach Ostern eingeschult, und hinter ihm seine Schwester
Personalkarte Lehrer Fritz Strodt (Jennen ab 01.04.1911)

 

Das nächste Foto zeigt die Volksschulklasse Jennen - Schuljahr 1938/39. Alle 8 Schuljahre ~ 80 Kinder in einem Raum! Lehrer Fritz Strodt – er wurde 11.02.1886 geboren – war ein „Meister seines Faches“. Seit 1. April 1911 unterrichtete er an der Volksschule in Jennen. Er verstand es, seinen Schülern ein profundes Wissen fürs Leben mitzugeben und er war auch ein toller Pädagoge. Gern erzähle ich heute noch von seiner Erziehungsmethode: Wenn es mal in der Pause eine „Klopperei“ gab zwischen einem Älteren und einem Kleinen, holte er beide vor die versammelte Klasse und der Kleine durfte zeigen, wie er gehauen wurde.--- Der Ältere hat keinen Kleinen mehr „gemotzt“!

 

Lehrer Strodt hatte kein Pferd und Wagen, Franz Schmidt, ein Bauer seiner Gemeinde, nahm ihn auf die Flucht [1945] mit. Nach langer, entbehrungsreicher Fahrt wurde er krank, wollte nicht mehr weiter und verließ das Fahrzeug. Das erzählte mir die Tochter von Franz  Schmidt, ('auf Bild 2 ist sie neben Lehrer Strodt zu sehen).

 

 

 

Jennen Klassenfoto mit Lehrer Fritz Strodt (von 1939)

 

 

Volksschule Jennen, Schulausflug (1938) nach Jägerhöhe und Dampferfahrt zur Insel Upalten. Vordere Reihe [1. v.r.] Helmut (?) Burba [dann] Fritz Heidemann, Franz Fröschke, Gerhard Dalheimer.

 

Mia Marie [9]

Das Schulfest im Birkenwäldchen

 

Das Schulfest wurde immer einige Tage vor den großen Ferien gefeiert. Vormittags war noch Schule. Am frühen Nachmittag aber wurde dann die liebe, alte Schulfahne vom Boden geholt, die Mädchen flochten Girlanden aus Blumen, die sie mitgebracht hatten. Ich durfte mithelfen, dass ich dabei auch unseren Garten plünderte, war selbstverständlich. Für den nötigen Bindfaden hatte ich schon immer vorher gesorgt.

 

Der Fahnenträger und die Fahnenjunker bekamen einen Schulterkranz umgehängt. Singend ging es dann vom Schulhof bis zur Kreuzung und von da in Richtung Uschmasch. Meist trafen wir schon hier auf den Zug der Nachbarschule Swainen. Die Kinder riefen dreimal Hurra (das war damals so üblich!), die Lehrer begrüßten sich. Dann erhielt die Gästeschule den Vortritt, während wir zurückmarschierten. Von der Kreuzung aus ging es dann in Richtung Aulowöhnen. Auf halbem Wege kamen uns dann meist schon die drei Klassen der Kirchspielschule entgegen. Sie hatten drei Trompeter, die ihnen vorausschritten. Wieder wurden die Neuangekommenen lautstark begrüßt. Jetzt bekam die Aulowöhner Schule den Vortritt, während mein Vater (Lehrer Maire) mit seinen Kindern den jetzt schon sehr ansehnlichen Zug beschloss. Jetzt war das Ziel das Birkenwäldchen - von dem ich vorher (siehe Bericht: Jennen, unser Dorf) erzählte. Die Aulowöhner Bäcker hatten schon vorher kleine Stände aufgemacht mit Kuchen und sonstigem Süßen. Besonders die langen weiß rosa Pfefferminzstangen in den hohen Bonbongläsern lockten.

 

Als Gastgeber hielt mein Vater eine kurze Willkommensrede und dann wurde gespielt- Rundspiele die Mädchen, Wettlauf, Sackhüpfen die Jungen. Die jungen Lehrer machten außerdem mit den Jungen noch einige Turnübungen. Inzwischen waren auch viele Mütter mit jüngeren Kindern gekommen und bald hatten die Bäcker ihren Vorrat verkauft. Zu den drei Trompetern waren noch einige Musiker gekommen, die fleißig spielten. Wir älteren Mädchen tanzten noch eine ganze Weile. punkt acht Uhr aber war Schluss. Die Schulen von außerhalb gingen geschlossen nach Hause. Mein Vater gab jedem der kleineren Jungen und Mädchen seiner Schule einen größeren Jungen für den Heimweg in die umliegenden Dörfer mit, sofern nicht die Mütter mitgekommen waren.

 

Ein  schöner Tag war wieder einmal zu Ende. Ein Tag von dem man noch lange im Dorf sprach.

 

Gemessen an dem, was heute den Schulkindern geboten wird, war das, was wir erlebten, bescheiden, aber ich glaube, wir waren ein klein wenig glücklicher...

 

 

Mia Marie[10]

Jennen, unser Dorf

 

Heute will ich etwas von einem großen, schönen Dorf, hart an der Niederunger Kreisgrenze gelegen, erzählen. Das Dorf trug den hübschen Namen Jennen. Es lag etwa zweieinhalb Kilometer nördlich von Aulowöhnen - das man später Aulenbach nannte -, an der Chaussee Insterburg - Skaisgirren - Tilsit. Mein Vater war dort um die Jahrhundertwende Lehrer. Ich war Lehrers Mia. Die Chaussee - so sagte man damals noch zu den Landstraßen erster Ordnung - teilte unser Dorf in zwei Hälften. Mitten im Dorf wurde die Chaussee dann von der Dorfstraße gekreuzt, die rechts nach Swainen und links nach Kallwischken führte. Wir sprachen nur von "unserer" Kreuzung. Jeder wusste, was damit gemeint war. Kam man von Insterburg, so sah man links ein kleines Haus, in dem ein Sattler sein Gewerbe betrieb, rechts lag ein größeres Bauerngehöft, das dem damaligen Gemeindevorsteher gehörte. Verdeckt von zwei großen Apfelbäumen stand dann ein kleines Insthaus und gleich danach begann der große Schulgarten. Ein schöner Staketenzaun umgab ihn. Im Schulgarten lag das Schulgehöft, das Reich meines Vaters. Hinter dem Schulgarten lag eine Besitzung von sechzig Morgen, gegenüber ein Bauerngehöft von etwa 240 Morgen und dahinter ein Hof von sechzig Morgen Land.

 

Unsere Dorfstraße führte am Friedhof vorbei zu dem etwas eineinhalb Kilometer entfernten Ort Kemsen. Dieses Dorf hatte nur vier Besitzer. Gleich vorn lag das Mühlengrundstück mit einem gutgepflegten Garten, es folgten dann ein größerer Bauernhof und zwei kleinere Besitzer. Die Straße führte weiter nach Kallwischken, wo die Familie Scharfetter auf einem Gut edle Trakehner Pferde züchtete. Seine Zucht war im ganzen Reich bekannt und berühmt. Bis hierher reichte Vaters Schulbezirk.

 

Doch nun wieder zurück zu "unserer" Kreuzung. Rechts von der Chaussee war  zunächst einmal das Schmiedegrundstück, ein Stück weiter lag eine Besitzung von etwa hundert Morgen und dann sah man zwanzig kleine Besitzstellen. Später nannte man so etwas Siedlung. Einige dieser Klein-Besitzer, die etwas zehn bis dreißig Morgen Land hatten, waren Handwerker, andere gingen als Tagelöhner, auch Scharwerker genannt, auf die umliegenden Güter. Im Dorf hieß diese Siedlung Klein-Berlin oder auch Uschmasch.

 

Wieder zurück zur Kreuzung. An der Chaussee nach Skaisgirren lagen vier kleinere Besitzungen von sechzig bis achtzig Morgen.

 

Ein Prachtstück war unser Gasthof. Er bestand aus guten, festen Gebäuden und hatte eine größere Einfahrt. Ein hübscher, gepflegter Baumgarten mit großer überdachter Laube war für die Gäste da. Zum Gasthof gehörte auch ein sogenannter Materialladen. Dort konnte man so ziemlich alles haben. Besonders viel wurden Petroleum (elektrisches Licht gab es damals noch nicht bei uns), Kernseife, Natron, Heringe, Hutzucker und Muschkeboad (feiner "Zucker") verlangt.

© Bild 13692 www.bildarchiv-ostpreussen.de Jennen Gasthaus "Zum Birkenwäldchen" Inhaber Carl Pohl, ca. 1906-1916

 

Gegenüber dem Gasthaus lag der ganze Stolz des Dörfchens: ein Birkenwäldchen mit schönen alten Stämmen. Viele sauber gepflegte Gänge luden zum Spazierengehen ein. Ein breiter Mittelgang führte zu einem großen Tanzboden für die Dorffeste. Rings um ihn standen viele Bänke, dicht daneben war die Tribüne für die Musik. Fast hätte ich es vergessen: über den Chausseegraben führte zum Birkenwäldchen eine Brücke mit einem schön verzierten Geländer. Besonders im Frühling war es in unserem Birkenwäldchen herrlich, wenn die Birken ihre ersten zarten Grünschleier angelegt hatten. Es roch dann direkt nach Pfingsten in unserem ganzen Dorf. Nicht weit hinter diesem Wäldchen war Kiaunischken (später Stierhof) genannt. Hier hatten die Großbauern Dalheimer und Igney ihre Besitzungen. Auch Kiaunischken lag noch in Vaters Schulbereich.

 

Langeweile hatten wir eigentlich nie in unserem Dorf. Schon morgens um sieben Uhr kam die große gelbe Postkutsche durch das Dorf gefahren. Der Postillion mit dem schmucken Federbusch am Hut blies schon bevor er in unser Dorf einfuhr die alte Weise:

 

Lieschen, mach auf die Tür -

ist ja die Post schon hier.

Ist ja die Post -

ist ja die Post...

 

So wurde uns der Text zu der Postillionmelodie überliefert. Die Postkutsche fuhr weiter nach Skaisgirren. Pünktlich um vier Uhr kam sie auf der Rückfahrt wieder durch unser Dorf und der Postillion blies wieder seinem Lieschen.

 

Gegen neun Uhr vormittags kam der Briefträger aus Aulowöhnen. Sein Nahen zeigten die Hofhunde durch wütendes Kläffen an. Auch unser Pudel, die "Molly" hatte etwas gegen den Uniformierten. Und jedes Mal musste mein Vater das Schulfenster öffnen und rufen "Molly, wirst du wohl ....", erst dann ließ sie den braven Mann in den Hof und schlich sich knurrend in ihre Bude, ohne jedoch den Briefträger aus den Augen  zu lassen.

 

Jeden Donnerstag kamen aus Insterburg die Fleischerwagen durch unser Dorf gefahren. Die Fleischermeister kauften nämlich auf dem Markt in Skaisgirren Schlachtschweine. Mittags kehrten sie dann auf der Rückfahrt regelmäßig in unserem Gasthof ein. Die Gesellen oder Lehrlinge besorgten die Pferde, und die Meister löschten in der Gaststube ihren Durst. Die Insterburger Fleischermeister Trumpf und Ruddigkeit kannte ich noch aus meiner Kindheit in Jennen. Die Post und die Fleischer kamen nur solange mit ihren eigenen Pferdewagen, bis die Kleinbahn gebaut wurde. Dann wurde alles mit ihr befördert.

 

Wenn am Donnerstag auf dem Skaisgirrer Markt zu viel Fischwagen angefahren waren, kamen einige auch in unser Dorf. Meistens hielten sie dann an der Kreuzung. Sie wussten, wann die große Schulpause war - sie kündigte sich meist durch das Kindergeschrei an - und kamen dann bis zu unserem Schulhaus gefahren. Vater suchte sich oft zarte Zander oder auch mal kleine Hechte mit großer Sachkenntnis aus. Die Frauen aus dem Dorf kamen mit großen Eimern, um Stinte zu kaufen. Die kosteten nur zehn Pfennig den Liter. Die Stinte wurden zum Füttern verwendet, aber sie kamen auch gebraten und in Essig eingelegt auf den Esstisch. Auch "Stintsupp" gab es hin und wieder. An den Fischfrauen kam niemand unangesprochen vorüber. Die verstanden ihr Geschäft! Dabei passierte einmal etwas Drolliges. Vaters älteste Schülerin in der Klasse war Auguste, ein großes, starkes Bauernmädel, die gar nicht mehr wie eine Schülerin aussah. Als sie in der Pause an einer Fischfrau vorbeiging, rief diese ihr nach “Na, junget Fruke, kepe Se doch ol paar scheene Feschkes!“ Das hörten natürlich die anderen Kinder und fingen sofort zu johlen an. Unsere Auguste lief mit hochrotem Kopf in das Schulzimmer. Sie konnte aber später nicht verhindern, dass die Bengels ihr noch lange nachriefen: "Na, junget Fruke..." usw.

 

Einige Male kamen auch Bärenführer in unser Dorf. Das war eine Sensation. Vater kam sogar mit den Schulkindern auf die Straße. Vorsichtshalber verriegelten die Jungens aber die Schultore. Der arme Bär musste tanzen, was ganz possierlich aussah. Wenn der arme Kerl dann müde wurde und sich hinsetzte, schlug der Bärenführer ihm mit einem Knüppel solange auf die Nase, bis er sich wieder auf die Hinterbeine erhob und sich weiter tollpatschig zum Vergnügen der Zuschauer drehte. Es war schon eine richtige Tierquälerei. Hin und wieder kamen auch die "Rennfahrer" des vom Insterburger Radfahrverein veranstalteten Radrennen "Insterburg-Tilsit" durch unser Dorf. Viele strampelten sich dabei auf Hochrädern die Lunge aus dem Leib. Es sah für die, die am Straßenrand standen und zusahen, ganz lustig aus. Die armen Strampler in ihrer komischen Kostümierung haben dabei aber viele Schweißtropfen vergießen müssen, bis sie das Ziel Tilsit erreichte.

 

 

Gerda Lange

Reise in die Vergangenheit

 

Wir starten um 9.15h und fahren über Tapiau und Taplacken nach Kreuzingen, wo wir kurz an der Tankstelle (früher Blankenstein) anhalten. Hier werden wir von den Kindern des Ortes, die von uns Süßigkeiten bekommen, und dem Bürgermeister empfangen. Wir lassen die Heidlers zurück und fahren über Kreuzingen in Richtung Jennen, das jetzt Polesnoe heißt. Wir schauen zum Ziegenberg und nach Steilberg hinüber und treffen kurz vor Jennen Juri, der jetzt mit seiner Familie auf Schmidts Gehöft lebt. Er erzählt Erni, dass heute die Hochzeit seiner einzigen Tochter Irina gefeiert wird. Wir fahren noch ein Stückchen weiter, dann lassen wir Erni aussteigen; denn sie ist Zuhause angekommen.

 

Der Bus fährt in den Ort hinein und hält vor der Schule, deren rechte Hälfte von einer Familie mit 3 Kindern bewohnt wird. Während die linke Hälfte unbewohnt ist, hat sich auf dem Schornstein eine Storchenfamilie angesiedelt. Daneben steht das Arbeiterhaus von Haugwitz, das von einer Babuschka mit Sohn bewohnt wird. Beide Familien werden von uns begrüßt und reichlich beschenkt. Babuschka freut sich über einen warmen Wintermantel und zieht diesen gleich an.

 

Der Bus fährt weiter nach Staggen (Warstat) und Bessen (Ballasus), während wir Jenner dableiben. Wir gehen in Richtung Kemsen und können dort, wo einst unser Friedhof war, Überreste einer Melkstation, die 1992 noch in Betrieb war, erkennen. Dahinter ist noch der Teich vorhanden, an welchem an diesem Vormittag geangelt wird. Es lohnt sich nicht weiterzugehen, deshalb kehren wir um, überqueren die Kreuzung und lassen Christel Körmer geb. Kopp und Willi Körmer auf dem ehemaligen Grundstück von Kopps zurück. Hilde Burba geht mit ihrer Schwester Elfriede Burba weiter in Richtung ihres Zuhauses, während meine Schwester und ich uns zu unserem Hof aufmachen. Wir gehen querfeldein und befinden uns bald dort, wo einst unser Haus, 2 Ställe  und die Scheune standen. Da, wo der Enten- und Gänseteich war, steht noch eine Weide und dahinter breitet sich - soweit das Auge reicht - ein Weizenfeld aus. Nachdem wir alles fotografiert haben, gehen wir auf der noch vorhandenen Auffahrt zur Straße. Aus welchen Gründen auch immer hat man überall rechts und links entlang der Straße Tannenhecken gepflanzt. Bei uns steht vor so einer Hecke noch ein Nachkomme unseres alten Haselnussstrauches. Als wir gerade unser Grundstück verlassen haben, kommt ein Auto angefahren und biegt in den Hof ein. Ob es der Besitzer des Weizenfeldes ist?

 

Wir gehen unseren alten Schulweg und kommen an unserem 2. Teich vorbei, der sich in der Pferdekoppel befand. In diesem Teich, der einen Zufluss hat, befindet sich sogar noch Wasser. An der Bushaltestelle bei Restiesen treffen wir wieder mit den Burbas und Körmers zusammen. Bei den Restiesen sind noch die Gärten zu erkennen und vom ehemaligen Birkenwäldchen stehen noch zwischen der neuen Tannenhecke 2 Birken. Wie machen noch einige Aufnahmen und gehen zu Schmidts, wo die Hochzeitsfeier von Irina in vollem Gang ist. Wir müssen an der langen überdachten Tafel auf dem Hof Platz nehmen und werden von der Brautmutter Galina aufs Beste bewirtet. Nachdem wir mit Wodka auf das Wohl des Brautpaares angestoßen haben, wagen wir sogar ein Tänzchen. ...

 

Gerda Lange (Juli 1996), Erinnerungen

 

 

Wirtschaft

 

1927 genannt: Richard Böhnke, Materialwaren

 

Wohngebäude [11]

 

1871:   35 

1905:   35

1925:   33

 

Haushalte  [12]

 

1871:   52 

1905:   44

1925:   38

1939:   42

 

Zahl und Größe der landwirtschaftlichen Betriebe [13]

 

0,5 ha -     5 ha:   9                

 5 ha   -   10 ha:   8

10 ha  -   20 ha:   8

20 ha  - 100 ha:   5

 

 

Überschrift

Schadensberechnung Jennen

 

 

Überschrift

Das Schönste an diesem Text ist, was Sie daraus machen!

 

 

 

 

 

Bild Jennen 9 -  (Schadensberechnung Jennen Seite 1)

 

Bild Jennen 10 -  (Schadensberechnung Jennen Seite 2)

 

 

Im Zuge des Lastenausgleichs wurde 1955 für die Dörfer des Kirchspiels sogenannte  Schadensberechnung erstellt. Diese Betriebsliste der Gemeinde Jennen (Stand 1945) nennt folgende landwirtschaftliche Betriebe (Besitzer, Hofgröße in Hektar und zugepachtete Fläche in Hektar):

 

Gemeindehektarsatz:  700,-- Reichsmark, Gemeindefläche 315 ha,

Durchschnitt der Betriebshektarsätze: 353,-- Reichsmark

 

A 1.     Burba, Friedrich und Ehefrau, 8,66 ha  +3,10 ha

B 1.     Adomeit, Emil, 35,00 ha

   2.      Fränkler, Fritz, 0 ha  +4,78 ha

   3.      Frenkler, Auguste, 7,50 ha  +1,50 ha

   4.      Haugwitz, Erich und Ehefrau, 37,50 ha  +5,00 ha

   5.      Heckler, Berta, 37,50 ha  -37,00 ha

   6.      Hellwich, Otto, 8,50 ha  +2,50 ha

   7.      Ketturkat, Wilhelm und Ehefrau, 12,50 ha

   8.      Kummetz (Hermann) Erben, 4,25 ha + 1,60 ha

   9.      Kurapkat, Franz und Ehefrau, 10,00 ha

 10.      Letsas, Otto und Ehefrau, 4,00 ha + 3,50 ha

 11.      Markgraf, Martha, 10,00 ha

 12.      Neumeier, Emma, 1,50 ha

 13.      Parakenings, Fritz, 4,50 ha

 14.      Rieck, Martha, 12,50 ha

 15.      Schmidt, Fran', 10,87 ha

 16.      Schömann, Ferdinand, 23,50 ha

 17.      Seydler, Carl, 7,50 ha

 18.      Strodt, Fritz (Meta), 2,00 ha - 4,00 ha

 19.      Walter, Henriette, 5,00 ha + 2,50 ha

 

Folgende Betriebe existierten, hatten jedoch zum Zeitpunkt der Listenerstellung keine Schadensansprüche geltend gemacht.

 

20.       Frenkler, Luise, 4,50 ha -3,50 ha                              

21.       Harpain, Eduard, 8,00 ha                             

22.       Heinich, Gustav, 4,25 ha                                          

23.       Kelch, Willy, 3,00 ha                                    

24.       Kopp, Fritz, 25,00 ha                                    

25.       Packschies, Georg, 3,00 ha                          

26.       Resties, Kurt, 7,00 ha

27.       Schmidtke, Bernhard, 1,00 ha  

28.       Schmidtke, Hermann, 3,00 ha

29.       Simoneit, Otto, 13,00 ha

30.       Szallies, Emil, 2,00 ha

31.       Ullrich, Franz, 20,00 ha

32.       Wigratz,, 10,00 ha

33.       Schule, 4,00 ha  -4,00

 

Höfeverzeichnis  der Gemeinde Jennen

 

Nr.          Besitzer/Pächter

______________________

01                                                                           

02          Hof Marpeng

03          Hof Ketturkat                                             

04          Hof Schmidt

05          Hof Schörmann                                        

06          Hof Letzas

07          Hof Kopp                                                  

08          Hof Szallies (Schmiede/Post)

09          Hof Haugwitz                                            

10          Hof Strodt (Schule) / Podschus

11          Hof Adomeit (links der Friedhof)                

12          Hof Bolz

13          Hof Resties                                                

14          Hof Ullrich

15                                                                           

16          Hof Heinich                                                             

17                                                                           

18          Hof Parakenings

  1.  
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  3.  
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  7.  
  8.  
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  11.  
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  13.  
  14.  
  15.  

 

Bild Jennen 11 -(Messtichkarte mit Einzeichnung der Höfe)

 

Einwohner [[1]]

 

1821:   94  [[2]]

 

1867:   261

 

1871:   237 davon 116 männlich alle Einwohner sind   preußisch   und  evangelisch, 115 ortsgebürtig,  69  unter 10   Jahren, 108 können lesen und schreiben, 60 Analphabeten, 1 blöd- oder irrsinnig

 

1905:   213 davon 99 männlich, 207 sind evangelisch von denen 202 Deutsch als Muttersprache und 5 Litauisch als Muttersprache angeben, 4 sind katholisch, davon sprechen 3 muttersprachlich Deutsch und 1 Litauisch, außerdem 2 andere christliche Glauben [[3]].

 

1925:   178 davon 80 männlich, 174 evangelisch, 1 katholisch

 

Bild Jennen 12 - Ausschnitt Ortsschafts und Adreßverzeichnis – Landkreis Insterburg  Seite 28 (1927)

 

Die folgenden Einwohner sind im  Ortschafts- und Adreßverzeichnis des Landkreises Insterburg (1927) unter Jennen genannt. Die Postverteilung erfolgte über Aulowönen [[4]] .

 

Besitzer:        

Wilh.(elm) Abrolat,  Aug.(ust) Adomeit , Emil Deutschmann, Franz Forstreuter, Gust.(av) Frenkler sen., Friedr.(ich) Frenkler jun., Ed.(uard) Harpain, Erich Haugwitz, Aug.(ust) Heckler, Ottilie Heinrich, Wilh.(elm) Ketturkat, Fritz Kopp, Wilhelmine Kummeß, Franz Kurapkat, Karl Lippelt, Adolf Markgraf, Emma Neumeyer, Georg Packschies, Friedrich Parakenings, Karl Preugschat, Wilh.elm) Rieck, Karl Sendler, Franz Schmidt, Ferd.(inand) Schömann, Fritz Walter, Henriette Walter. 

 

Lehrer: Fritz Strodt                                 

Gastwirt: Aug.(ust) Resties

Schmied: Emil Szallies

Losmann: Franz Schwendt

Arbeiter: Amalie Buchholz, Gust.(av) Franz

Rentenempfänger:  Ferd.(inand) Feuersänger

 

1933:    176

 

1939:   171 , davon 85 männlich, 23 unter 6 Jahren, 22 zwischen 6 und 14 Jahren, 109 zwischen 14 - 65 Jahren, 17 über 65 Jahren, es waren tätig 124 in der Land- und Forstwirtschaft, 21 im Handwerk und Industrie, mit Angehörigen ohne eigenen Beruf waren 66 selbständig, 44 mitarbeitende Familienmitglieder, 2 Angestellte, 37 Arbeiter.

 

[1] Kurt Henning, Charlotte Henning: Der Landkreis Insterburg, Ostpreußen. Ein Ortsnamen-Lexikon. o. O. [Grasdorf-Laatzen] o. J. [1981], S.87

[2] Topographisch-Statistisch-Geographisches Wörterbuch des preußischen Staats Band II, Alexander August Mützell, Halle –

     Verlag Karl August Kümmel (1821) – Jennen , Seite 251 

[3] Gemeindelexikon  für die Provinz Ostpreußen, Basis Volkszählung vom 1. Dez. 1905, Verlag des Königl. Statistischen

     Landesamt , Berlin SW (1907) Seite 98-99

[4] Ortschafts- und Adreßverzeichnis des Landkreises  Insterburg''', 1927 -  Jennen (S. 28) , Buchdruckerei und Verlagsanstalt

     Ostpreußisches Tageblatt G.m.b.H, Insterburg  (Reprint der Kreisgemeinschaft Insterburg Stadt u. Land e.V., Krefeld

 

 

[1] Landkreis Insterburg sowie Amtsbezirk Aulenbach auf der Webseite Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874 - 1945: Rolf Jehke, Herdecke., 2005  - (http://www.territorial.de/ostp/insterbg/landkrs.htm)

[2] Landkreis Insterburg sowie Amtsbezirk Aulenbach auf der Webseite Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874 - 1945: Rolf Jehke, Herdecke., 2005 -  (http://www.territorial.de/ostp/insterbg/aulenbac.htm)

[3] Meyers Orts- und Verkehrs-Lexikon des Deutschen Reiches, Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut (1912), 5. Auflage, Band I, Seite 896

[4] Stadt und Landkreis  Insterburg auf der Webseite ''Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990'',  [2016] –    www.verwaltungsgeschichte.de/insterburg.html

[5] Kurt Henning, Charlotte Henning, Der Landkreis Insterburg, Ostpreußen. Ein Ortsnamen-Lexikon.. [Grasdorf-Laatzen]   [1981], S.87.

[6] W. Grunert (03.08.1939), Zeitschrift „Nadrauen“, Nr. 103 – Kammeramt Saalau 1680

[7] Eduard Grigoleit (19.01.1939), Zeitschrift „Nadrauen“, Nr. 94 – Die Mühlenbesitzer in Skardupönen

[8] Gerhard  Dalheimer (Juni 2014), Notizen zur Volksschule in Jennen

[9] Mia Maire (1961), Bericht im Insterburger Brief : Jahrgang 13 (1961) Nr. 7/8 - Seite 129

[11] Kurt Henning, Charlotte Henning: Der Landkreis Insterburg, Ostpreußen. Ein Ortsnamen-Lexikon. o. O. [Grasdorf-Laatzen] o. J. [1981], S.87

[12] Kurt Henning, Charlotte Henning: Der Landkreis Insterburg, Ostpreußen. Ein Ortsnamen-Lexikon. o. O. [Grasdorf-Laatzen] o. J. [1981], S.87

[13] Kurt Henning, Charlotte Henning: Der Landkreis Insterburg, Ostpreußen. Ein Ortsnamen-Lexikon. o. O. [Grasdorf-Laatzen] o. J. [1981], S.87

 

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