Gemeinde Waldfrieden in den Grenzen des Kirchspiel Aulowönen (Aulenbach) 1939

Waldfrieden

 

 

Politische Einteilung

 

Provinz:                          nördliches Ostpreußen           
Regierungsbezirk:          Gumbinnen

Landkreis:                      Insterburg [1]

Amtsbezirk:                    Juckeln / Buchhof [2]

Kirchspiel:                      Aulowönen / Aulenbach Ostp

Gemeinde:                     Gerlauken / Waldfrieden

Lage:                              nördlich des Pregel
bei  :                               17 km nordwestlich von

                                       Insterburg

 

 

Koordinaten

 

Geographische Lage:     N 54° 46´ 08´´    O 21° 45´ 56``

 

Edeltraut Tauchmann (2016) [1]

Mein Heimatdorf Waldfrieden

 

 

Waldfrieden hieß bei meiner Geburt Anfang September 1928 noch Gerlauken und war ein recht kleines Dorf mit nur sieben Höfen/Gehöften im Ortskern und sieben Abbauten. Erst als es Ende desselben Monats in Waldfrieden umbenannt wurde, kamen noch die beiden Güter Weidlauken und Gründann als Ortsteile hinzu. Bei der Wahl des Namens spielte sicherlich das am Waldrand gelegene, über Ostpreußens Grenzen hinaus als heilkräftig bekannte „Moorbad Waldfrieden“ eine entscheidende Rolle, wodurch das Dorf an Bedeutung gewann.

 

Geschäfte, Restaurants oder etwas in der Art hatte das Dorf nicht vorzuweisen. Um einzukaufen, fuhren wir hauptsächlich nach Aulenbach, aber hin und wieder auch nach Insterburg, wo wir natürlich eine größere Auswahl wie z.B. an Bekleidung und Schuhwerk vorfanden. Für den Erwerb von Lebensmitteln und Getränken standen uns nicht nur die Läden von Rautenberg, Götz oder Knackstädt in Aulenbach zur Verfügung, sondern auch die etwas näher gelegenen von Haeske in Mittel-Werkau oder Kunz in Tobaken. Das waren alles Kolonialwarengeschäfte mit einem„Krug“ (Gastwirtschaft), wo sich die Männer nach Erledigung ihrer Geschäfte zu treffen pflegten, um dort in geselliger Herrenrunde ein Bier oder einen Schnaps zu trinken und sich untereinander auszutauschen. (Nun, bei nur einem Schnaps oder einem Glas Bier ist es selten geblieben, denn sobald einer der Herren eine Tischrunde „schmiss“ (ausgab), war es für die anderen doch Ehrensache, es ihm gleichzutun!)

 

Übrigens fuhr ein Bäckerauto täglich durch Waldfrieden, um das Moorbad mit Backwerk zu versorgen. Von den Dorfbewohnern machte aber meines Wissens nach nur die Lehrerfrau Hüber von dem Service Gebrauch und hängte ihren Brötchenbeutel zum Füllen/Wechseln an den Hofzaun zur Straßenseite hin. Im Allgemeinen backte man ja als „Eigenversorger“/„Selbstversorger“ selbst, wie man auch selbst schlachtete und somit den Fleischer nur sporadisch aufsuchte, vorwiegend für den Erwerb von Frischwurst wie Fleischwurst und Würstchen. Überhaupt war unser Einkauf seit Beginn des Krieges durch der Einführung von Lebensmittelkarten sowie Bezugsscheinen für Bekleidung, Schuhwerk und dergleichen stark begrenzt.

 

In einem Punkt lag Waldfrieden hinter den anderen Ortschaften weit zurück: Es hatte keinen Stromanschluss. Bei der Abstimmung über das Für und Wider der Verlegung einer Stromleitung hatte sich seinerzeit die Mehrheit aus Kostengründen dagegen ausgesprochen. Mein Stiefvater  träumte davon, gleich nach dem Krieg (dem gewonnenen, versteht sich!) auf eigene Rechnung die erforderliche Zuleitung von dem etwa 1 km entfernten Transformatorenhäuschen zu unserem Gehöft legen zu lassen, wie es das Moorbad und das Gut Weidlauken bereits getan hatten.

 

Telefone? Das einzige Telefon, das es bis etwa Mitte der 30-er Jahre im Dorf gab, war das „Öffentliche Telefon“.  Das hatte aber mit den heutigen (und fast schon wieder überflüssigen) Telefonhäuschen absolut nichts gemeinsam. Es handelte sich lediglich um einen in der Lehrerwohnung installierten Telefonapparat, auf den am Schulhaus ein entsprechendes Schild hinwies. Diese Nummer konnte man auch von auswärts anrufen bzw. anrufen lassen, wenn man eine dringende Nachricht an einen Dorfbewohner auszurichten hatte. In Waldfrieden war es die Lehrerfrau, die die Anrufe entgegennahm und die Botschaft dann zuverlässig überbrachte, egal,  wie weit der Fußweg (Abbauten!) auch sein mochte.                                                        

 

Um die Straßenverhältnisse war es in Waldfrieden schlecht bestellt. Bei der Hauptverbindungsstraße von Insterburg über Aulenbach nach Tilsit handelte es sich zwar um eine Asphaltchaussee, doch lief diese in einer Entfernung von ca. 2 km an Waldfrieden vorbei.  Alle anderen Wege waren unbefestigt und dementsprechend bei Nässe schwer oder kaum befahrbar. Die einzige Ausnahme bildete eine Kies-Chaussee, die von der Asphaltchaussee an der Abzweigung Guttawutschen über Schacken/Schackenau und Tobaken durch das Dorf Waldfrieden zum Moorbad führte. Diese feste Verbindungsstraße hatten wir sicherlich nur der Existenz des Moorbades zu verdanken. So war Waldfrieden nun auch bei durch Regen oder Schneeschmelze aufgeweichtem Untergrund nicht völlig von „der großen, weiten Welt“ abgeschnitten. Nun ja, es passierte schon mehr als einmal, dass mein Stiefvater auf dem Weg von unserem Gehöft zu dieser Kies-Chaussee mit dem Auto stecken blieb und von Pferden abgeschleppt werden musste, oder dass er sich vorsichtshalber gleich zwei Pferde vorspannen ließ. Man war es gewohnt, mit schwierigen Situationen umzugehen. 

 

Wegehobel zum Glattschleppen des Weges (c) Sammlung Edeltraut Tauchmann, Bischweier

Im Sommer waren ja die Landwege mit ihren dichten, Schatten spendenden Bäumen zu beiden Seiten der Straße recht idyllisch, und auch im Winter bei Schnee und Frost eigneten sie sich vorzüglich zum Schlittenfahren. Voraussetzung aber war ein ebener Untergrund. Daher ließen die Bauern vor dem ersten Nachtfrost  i h r  Wegstück zum Dorf oder zur Chaussee „abschleppen“: Ein dicker Baumstamm, von Pferden gezogen, walzte den Boden glatt. Hielt die Frostperiode nicht an, wurde die Prozedur zu gegebener Zeit wiederholt. Das war Ehrensache, schon der anderen  Bewohner wegen. 

 

Überhaupt wurde aufeinander Rücksicht genommen. Jeder respektierte die Rechte des anderen und nahm seine Verantwortung den Mitbewohnern gegenüber ernst. (Natürlich keine Regel ohne Ausnahme.) Ebenfalls pflegte man einen recht regen geselligen Verkehr untereinander. Abgesehen von den normalen Einladungen an Festtagen waren Besuche auch ohne vorherige Absprache üblich und jederzeit willkommen, natürlich stets in der eigenen Gesellschaftsschicht. Generell spielten die Gesellschaftsschichten, die sich nach Besitz oder Rang/Stand richteten, eine bedeutende Rolle in unserem Leben. Erst unter Hitler konnte auch jemand aus den unteren Schichten bei bestimmten Voraussetzungen eine Führungsposition erreichen z.B. bei der Partei oder Wehrmacht. 

 

Veranstaltungen irgendwelcher Art gab es im Ort zwar nicht, doch hatten wir ja das Moorbad, wo an Sommersonntagen stets ein geselliges Treiben herrschte und an jedem zweiten Sonntag eine Kapelle zum Tanz aufspielte (solange erlaubt). Nicht weit war es auch zu Haeskes in Mittel-Warkau. Die zwei an das Kolonialwarengeschäft und Gasthaus angebauten Säle, der eine sogar mit einer Bühne, eigneten sich nicht nur für nationalistische Veranstaltungen, sondern auch für Tanzabende, Filmvorführungen und Theateraufführungen einer Laiengruppe, deren Mitspieler man ja gut kannte und es dementsprechend recht familiär zuging. Ebenso gerne fuhren wir zu Rautenberg nach Aulenbach, wenn dort außer den Versammlungen der SA oder anderer Organisationen Tanzveranstaltungen, Filmvorführungen, Laien-Theateraufführungen und Heimabende angesagt waren. Wollte man allerdings einen bestimmten Film sehen, musste man sich schon nach Insterburg  — drei Filmtheater mit fast täglich je drei Vorführungen  —  auf den Weg machen, was verständlicherweise wegen des Zeitaufwandes und der Kosten für Bahn und Kinokarte nicht oft geschah.

 

Der Friedhof lag ein ganzes Stück außerhalb des Dorfes an der Bahnstrecke Waldfrieden - Tannenfelde, nur durch eine Landstraße von dem Bahndamm getrennt. Abgesehen von den dreimal am Tag vorbeifahrenden Zügen war diese kleine, von hohen Laubbäumen umgebene Anhöhe ein recht friedvolles Plätzchen, zu dem es mich des öfteren auch alleine hinzog. Die Gräber waren gepflegt, die Bepflanzung natürlich dem Klima entsprechend, d.h. für den Sommer setzte man Blumen, doch für den Winter deckte man die Grabstellen nur mit Tannengrün und einem Grabgesteck ab. Während der warmen Jahreszeit ging man an jedem Samstag auf den Friedhof, brachte einen frischen Blumenstrauß hin und  harkte den Boden um das Grab herum. Die alteingesessenen Einwohner nannten ganze Grabreihen ihr eigen, die für sie auch immer reserviert blieben. Manche waren durch kunstvoll geschmiedete Zäune wie eine kleine Oase vom übrigen Teil abgegrenzt. Ganz alte Gräber dagegen hatten noch keine Grabeinfassung. Da wurden die Grabhügel nur durch immergrüne Bodendecker gehalten. 

 
Friedhof Waldfrieden (c) Sammlung Edeltraut Tauchmann, Bischweier

 

 

 

Edeltraut Tauchmann (2016) [2]

Höfe und die Bewohner von Walfrieden

 

(Erben bedeutet hier, dass die Eltern/Erblasser schon zu Lebzeiten ihren Besitz an den Erben abgaben,  also ihn auf dessen Namen überschreiben ließen.)

 

 

 

B. Bahnhof:

 

Haltepunkt der Insterburger Kleinbahn, der wohl wichtigste Platz des Dorfes. Dort brachten die Kurgäste und die vielen an Sommersonntagen angereisten Besucher des Moorbades etwas frischen Wind in den Ort. Das Wartehäuschen war eine Wellblechbude, aufgeteilt in einen offenen Warteraum für Fahrgäste und einen verschlossenen Lagerraum, in dem Rollgüter wie Öl- und Benzin-Fässer bis zur Abholung gelagert wurden.

 

11. Perlbach

 

Dem Bahnhof direkt gegenüber lag PERLBACHS kleiner, schmucker Hof, auf dem zu meiner Zeit aber nur noch MARTHA PERLBACH mit ihrer Mutter wohnte. Wie bei kleinen Anwesen üblich, gab es außer dem Wohnhaus nur noch ein Wirtschaftsgebäude mit Stall und Scheune. Abgesehen vom üblichen Federvieh hielten sich die beiden Damen lediglich eine Kuh und ein paar Schweine, für die sie das Futter direkt hinter dem Hof anzupflanzen pflegten. Besonders die Rüben und Wrucken waren bei unseren weidenden Kühen sehr beliebt (siehe meinen Bericht  „Kühe hüten“). Als Martha im schon etwas fortgeschritteneren Alter den verwitweten Oberinspektor OTTO  ZERULLA vom Rittergut Buchhof heiratete und nach dort in das Inspektorenhaus zog (Mutter schon gestorben?), vermietete sie das Haus an eine Frau HÜBNER  (nicht Hüber!) und deren Mutter. Beide Damen waren ortsfremd und fast ohne Kontakt zu den Dorfbewohnern. Nur der Lehrertochter Hannelein gelang es, zur gepflegten Kaffeestunde im Garten eingeladen zu werden, wozu sie mich als ihre beste Freundin mitnahm. Frau Hübner war die Ehefrau eines Offiziers und wartete in Waldfrieden lediglich auf dessen Heimkehr aus dem Krieg.


Es war wohl im Sommer 1944, als überraschenderweise MARTHA ZERULLA mit ihrem Mann in ihr Elternhaus zurückkehrte und im Spätherbst wie mein Stiefvater dem Evakuierungsbefehl nicht Folge leistete. Am 19. Januar 1945 wurde dann das Ehepaar von uns mit auf die Flucht genommen, da es ja selbst kein Pferdefuhrwerk besaß. Irgendwo unterwegs erblickten sie auf einem Bahndamm einen Zug, der — oh Wunder — abfahrbereit unter Dampf stand. Doch noch ein Zug? Der letzte? Kurzentschlossen nahmen sie ihr Gepäck vom Wagen und rannten den Bahndamm hoch. Zwar wollten sie auch mich mitnehmen, doch ich lehnte ab und blieb lieber im Treck bei meinen Eltern.

 

Nach dem Krieg wohnten Zerullas in München-Riem und besuchten uns auch in der Pfalz. Wir verblieben bis zu ihrem Tod in „treuer, heimatlicher Verbundenheit“.

 

 

14. Schulhaus

 

Perlbachs/Zerullas gegenüber stand das SCHULHAUS. Als Nachfolger von Lehrer Migge und Lehrer Seeger kam ALBERT HÜBER  1935 mit Frau HELENE und Stieftochter HANNELENE  (HANNELEIN)  nach Waldfrieden (siehe auch meinen Bericht „Volksschule Waldfrieden“). Das Schulhaus bestand aus einem großen Klassenzimmer und der Lehrerwohnung. Es war das einzige Gebäude im Dorf, das an nationalistischen Feiertagen beflaggt wurde. Zum Schulhaus gehörte ein Wirtschaftsgebäude mit Scheune und Stallungen für Schweine, Hühner und eine Kuh, und gleich hinter den Bahngleisen lagen die 2 ha Gemeindeland, die jedem Lehrer zur Nutzung zustanden und bei dessen Bearbeitung die Bauern unentgeltlich mithalfen.

 

Frau Hüber war eine hervorragende Hausfrau und hielt mit Hilfe eines Hausmädchens alles gut in Schuss. Mit den Hausmädchen war es bei vielen Lehrerfamilien so, dass sie eine gute Schulabgängerin aus Arbeiterkreisen einstellten, meistens für die Dauer eines Jahres. Die Mädchen waren froh, gleich in so jungen Jahren, erst vierzehnjährig und ohne jede Ausbildung, eine Anstellung zu bekommen, bei der sie nicht nur behutsam in das Arbeitsleben eingeführt wurden, sondern auch Gelegenheit hatten, etwas „an Benimm“ wie gute Manieren und Tischsitten dazuzulernen. Denn in einem Lehrerhaushalt ging es üblicherweise sehr gepflegt zu. Ich war bei Hübers oft zu Gast und genoss die ganze Atmosphäre. So betätigte Frau Hüber z.B.beim Mittagessen ein an der Hängelampe befestigtes Glöckchen, um der Hausgehilfin in der durch den Flur etwas abseits gelegenen Küche zu signalisieren, den nächsten Gang aufzutragen.

 

Durch Frau Hüber kamen auch ein paar neue Bräuche nach Waldfrieden, z.B. der Nikolaustag  — bei uns bis dahin gänzlich unbeachtet  —  mit einem Nikolausteller mit Königsberger Marzipanherzen und dergleichen guten Süßigkeiten. Ebenfalls nicht üblich waren Adventskränze. Frau Hüber nun flocht die schönsten Kränze und hängte uns stets einen ganz besonders großen Kranz, kunstvoll mit rotem, breitem Band und den obligatorischen vier Kerzen geschmückt, an die Decke unseres Klassenzimmers. (Herr Hüber pflegte dann seine Geige aus dem Schrank zu holen, doch leider, leider war sein Spiel kein Ohrenschmaus.)  

 

Bei der Evakuierung Waldfriedens im Spätherbst 1944 —  Herr Hüber war Soldat  —  gingen Frau Hüber und Hannelein nicht nach Mohrungen, sondern zu Verwandten nach Elbing. Von dort aus wollte uns Hannelein noch nach dem 5. Jan. 1945 besuchen, kam jedoch nur bis Insterburg, wo ihr Soldaten dringend rieten, sofort umzukehren. Der nachfolgende Brief meiner Mutter an Frau Hüber, geschrieben acht Tagen vor der Flucht, beschreibt die Verhältnisse in Waldfrieden in jenen Tagen.

 

Abschrift des Original-Briefes:

 

Waldfrieden,  den 10.I.(19)45 

 

Liebe Frau Hüber!

 

Ich danke Ihnen recht herzlich für Ihren Brief und für Ihren lieben Glückwunsch zu meinem Geburtstag. Gott sei Dank ist es uns noch vergönnt, hier in Waldfrieden zu sein. Auch wir haben still und mit wehem  Herzen das Weihnachtsfest und meinen Geburtstag verlebt. Hier im Dorf gibt es nur unerfreuliche Neuigkeiten. Frau Szilllat hat furchtbares Heimweh, und auch die anderen wären lieber daheim. Denn von Frau Haller ist alles Zurückgebliebene  verschwunden und auch Frau Fleiß und Frau Zwillus klagen sehr, daß vieles verschwunden ist. In den Wohnungen von Haller, Krink und  Szillat hausen Polen (Bahnarbeiter und Dreschkommando). Im Moorbad wird ein Feld-Lazarett eingerichtet, und in Ihren Räumen hat der Oberarzt Quartier bezogen. Ihr Telefon ist nicht gesperrt, da es zur öffentlichen Benutzung freigegeben werden mußte, und deshalb darf mein Mann die Tafel nicht entfernen. Zwecks Kräfteeinsparungen sollen die Telefone der übrigen Teilnehmer abgebaut werden. Frau Scherreiks schickte den Pullover schon in der vergangenen Woche, und Traute ist froh, daß es so gut geklappt hat. Wir haben in diesen Tagen darauf gewartet, daß Sie uns aufsuchen werden. Denn wie Hannelein schrieb, haben Sie doch die Absicht gehabt, nach dem 5.1. hier einmal nach dem Rechten zu sehen. Unsere Kleinbahn fährt nur noch Munition. Wir können deshalb nur morgens von Buchhof nach Insterburg fahren und dann am Abend bis dahin zurückkommen. Oft trifft der Abendzug erst am Morgen zwischen 4-5 Uhr ein. Sonst ist es hier ruhig, denn selten hören wir ein Flugzeug. Heute fährt der Waldfriedener Treck von Mohrungen nach Waldfrieden ab, aber die Frauen und Kinder bleiben dort.

In der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen sendet Ihnen sowie Ihrer Schwägerin und Hannelene recht herzliche Grüße

   Ihre Ella Brandstätter

 

Auch mein Mann und Traute senden herzliche Grüße.

Anmerkung: In Waldfrieden herrschte damals eine eigenartige Atmosphäre, für die ich nicht die passenden Worte finde: die meisten Häuser im Dorf verlassen; in der großen Küche von Hallers trafen sich die polnischen und französischen Kriegsgefangenen mit den zwangsrekrutierten polnischen und weißrussischen Dienstmädchen und tanzten zu Akkordeon-Musik eines unserer französischen Kriegsgefangenen, den wir „Musikus“ zu nennen pflegten. Da auch unsere anderen fünf französischen Kriegsgefangenen  und die beiden „Weißrussen-Mädchen“ dort waren,  wagte ich mich einmal in Hallers Küche. Mein Besuch war beklemmend kurz. Man gab mir deutlich zu spüren, dass  ich, die Deutsche,  unerwünscht war.

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Familie Hüber nach dem Krieg (in Gettdorf bei Kiel) (c) Sammlung Edeltraut Tauchmann, Bischweier

Nach dem Krieg wohnten Hübers in Gettorf bei Kiel. Herr Hüber, der nie Mitglied in der Partei gewesen war, durfte sofort wieder als Lehrer arbeiten. Hannelein ging nach Kiel, später nach Hamburg, wo sie u.a. in großen Geschäften als Werbedame für bestimmte Artikel, aber auch als Fotomodell und Statistin bei Filmaufnahmen arbeitete. Sie besuchte uns mit ihrer Mutter in Baden und kam nach deren Tode auch allein zu uns. Unsere enge Freundschaft währte bis zu ihrem Tod.

 

 

 
 
 
 
 
 
 
o.l.: Frau Martha Fleiß, u. Mitte: mit Hut: Frau Elli Schüssel (c) Sammlung Edeltraut Tauchmann, Bischweier
12. Hof Fleiß

 

Neben dem Hof von  Perlbach/Zerulla lag das Anwesen von EMIL FLEIß, der bis zu seiner Einberufung zum Militär die Stelle des Bürgermeisters von Waldfrieden innehatte. Das Wohnhaus war noch mit Stroh gedeckt. Emil hatte zwei Geschwister: ARTHUR und ANNA, genannt Annchen. Arthur ist der Verfasser des Gedichtes „Mein Heimatdorf Gerlauken“, aus dem ich in meinem Bericht einige Zeilen zitieren werde (Gedicht siehe unter Gerlauken). Arthur verließ Waldfrieden. Sein Aufenthalt blieb unbekannt. Und Annchen, die zusammen mit Emil, dem Hoferben, den Hof bewirtschaftete, ging nach Berlin, als dieser die geschiedene Schneiderin MARTHA RADZUWEIT geb. Schwarz (mit Sohn ALFRED) heiratete. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, GÜNTER und CHRISTEL. 

 

Emil Fleiß ist vermisst. Seine Frau und die Kinder wohnten nach dem Krieg in Mecklenburg. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Frau Fleiß drei Monate unter den Russen war, wie man es zu umschreiben pflegte, und viel gelitten hat.

 

FOTO 5: Martha Fleiß und Frau Schüssler bei einem Ausflug nach Kranz

 

Ohne Nr.    

 

Zwischen der Kies-Chaussee und dem Anwesen von Otto Haller wurde etwa Mitte der dreißiger Jahre eine BARACKE erbaut, die auf dem Messtischblatt nicht eingezeichnet und über deren Verwendung meines Wissens noch nichts veröffentlicht worden ist. Anfangs diente sie den Maiden des Reichsarbeitsdienstes als Unterkunft, danach einer anderen Arbeitsgruppe,  bis eines Tages dort Juden untergebracht, sprich eingesperrt, wurden. Die mussten bei Wind und Wetter, selbst bei Eiseskälte, das Flüsschen Droje verbreitern, bewacht von einem Soldaten mit Gewehr. Darüber an anderer Stelle mehr. Eines Tages war die Baracke leer: Die Juden waren in einer Nacht- und Nebelaktion abtransportiert worden.

 

3. Dass letzte Anwesen auf dieser Straßenseite war das Gehöft von HALLERS. Hallers hatten zwei Kinder: OTTO und GERTRUD (Trude), wovon natürlich der Sohn der Hoferbe wurde. Das Wohnhaus hatte durch einen verandaartigen Windfang etwas sehr Einladendes, und der riesengroße Walnussbaum an der Hofeinfahrt übte auf uns Kinder eine große Anziehungskraft aus. Als kleines Mädchen bin ich oft mit meiner Oma Schlack bei Hallers zu Besuch gewesen — solche Nachmittagsbesuche waren beliebt und verliefen wie folgt: Während sich meine Oma mit Oma Haller im Wohnzimmer unterhielt, nahm mich Trude bei der Hand und führte mich in die Küche mit den Worten: „Trautchen, wir zwei machen jetzt mal Kaffee!“ Und dort setzte sie sich dann auf einen Stuhl, klemmte sich die handbetriebene Kaffeemühle zwischen die Knie und begann die Kaffeebohnen zu mahlen. (Wir hatten ja keinen elektrischen Strom.) Hin und wieder durfte auch ich die Kurbel drehen. Herrlich, wenn das erste Kaffeearoma aus der Mühle aufstieg! Wie unpersönlich dagegen die heutige Zubereitung! — Gertrud heiratete einen Angestellten der Landmaschinenwerkstatt Bajorat, den Elektromonteur Kaufmann, und zog zu ihm nach Aulenbach. Otto vermählte sich mit JOHANNA ERDMANN. Diese Hochzeit war ein großes Fest mit vielen festlich gekleideten Gästen. 

 

Otto Haller lebte nach dem Krieg mit seiner Familie in Niedersachsen und verstarb 1975 in Zeven. Seine Schwester Gertrud Kaufmann trafen wir überraschenderweise im Flüchtlingslager Oksbøl/Dänemak wieder. Sie fungierte dort als Zeugin bei einem Dokument, das der ehemalige Aulenbacher Standesbeamte Flötke für uns ausfertigte.

 

2b. Der Baracke gegenüber gab es das zweite strohgedeckte Wohnhaus, Eigentum von DR. BECKER (Vorbesitzer Gustav Steppat mit Altsitzerin Johanna Bernecker). Das kleine, schon recht alt aussehende Haus war in zwei Wohnungen unterteilt und an die beiden Arbeiterfamilien SZILLAT und KRINK vermietet. Beide Männer wurden als tüchtige, ehrenhafte Tagelöhner nicht nur gerne von meinem Vater, sondern auch von anderen Bauern beschäftigt. Frau ROSA SZILLAT stammte aus der Schweiz und war eine sehr sangesfreudige, lebensbejahende und in allen Arbeiten geschickte Person. Besonders bei den tagelangen Vorbereitungen für größere Feste wollte meine Mutter nicht auf ihre Mithilfe verzichten. Der Sohn HEINZ, in der Schule zwar nicht der Klügste, war ansonsten doch ein recht gewieftes Bürschchen und von meinem Bruder Egon als Kumpel sehr geschätzt. 

 

Für Herrn ALBERT SZILLAT begann mit der Belegung der Baracke durch die Juden ein neuer Lebensabschnitt. Der stark übergewichtige Mann wurde als eine Art Koch mit der Verpflegung

der erbarmungswürdig halb verhungerten Juden betraut. Nein, man schaute nicht genau hin!  Nach deren Abtransport bekam Herr Szillat eine neue Aufgabe und zwar die eines Aufsehers  — oder was? Man hat es nie genau erfahren — in dem nach dem Polenfeldzug neu errichteten „General-Gouvernement“. Stolz zeigte er bei seinen Heimatbesuchen goldene Uhren und Armbänder herum und brüstete sich damit, alles beschaffen zu können. Ich wollte ihn auf die Probe stellen, und tatsächlich, er brachte mir ein Paar Lederstiefel mit, angefertigt nach meinen Maßen. Das war etwas, das ich in jenen Kriegsjahren in Deutschland nicht mehr bekommen hätte.  Eines Tages war Herr Szillat tot  —  erschlagen.  Seine Leiche wurde nicht nach Waldfrieden überführt. 

 

Nach dem Krieg lebte Frau Szillat eine Zeitlang in der Schweiz, bevor sie mit Sohn Heinz, der den Krieg als Soldat überstanden hatte, in Waldshut sesshaft wurde. Als ich 1958 in jene Gegend kam, habe ich sie als damals Dreißigjährige besucht und staunte, wie sehr die einstigen doch großen Standesunterschiede zusammengeschrumpft waren. Sie lebten in einer schönen, großen Wohnung, ausgestattet mit geschmackvollen Möbeln und gutem Porzellan, und die Bewirtung war hervorragend. Heinz hatte eine gute Arbeitsstelle, eine flotte, tüchtige Frau und zwei erfolgreiche Töchter. 

FOTO 6a u.b

 

 

 

D E R    T E X T   I S T   Z U R   Z E I T   I N   Ü B E R A R B E I T U N G 

 

 

Jennen, Skardupönen mit Mühle auf der Karte des Deutschen Reiches (1:100 000) 1893

 

Edeltraut Tauchmann (2016) [1]

Mein Heimatdorf Waldfrieden

 

  1. HÖFE UND IHRE BEWOHNER

 

  1. ALLGEMEINES

 

Waldfrieden hieß bei meiner Geburt Anfang September 1928 noch Gerlauken und war ein recht kleines Dorf mit nur sieben Höfen/Gehöften im Ortskern und sieben Abbauten. Erst als es Ende desselben Monats in Waldfrieden umbenannt wurde, kamen noch die beiden Güter Weidlauken und Gründann als Ortsteile hinzu. Bei der Wahl des Namens spielte sicherlich das am Waldrand gelegene, über Ostpreußens Grenzen hinaus als heilkräftig bekannte „Moorbad Waldfrieden“ eine entscheidende Rolle, wodurch das Dorf an Bedeutung gewann.

 

Geschäfte, Restaurants oder etwas in der Art hatte das Dorf nicht vorzuweisen. Um einzukaufen, fuhren wir hauptsächlich nach Aulenbach, aber hin und wieder auch nach Insterburg, wo wir natürlich eine größere Auswahl wie z.B. an Bekleidung und Schuhwerk vorfanden. Für den Erwerb von Lebensmitteln und Getränken standen uns nicht nur die Läden von Rautenberg, Götz oder Knackstädt in Aulenbach zur Verfügung, sondern auch die etwas näher gelegenen von Haeske in Mittel-Werkau oder Kunz in Tobaken. Das waren alles Kolonialwarengeschäfte mit einem„Krug“ (Gastwirtschaft), wo sich die Männer nach Erledigung ihrer Geschäfte zu treffen pflegten, um dort in geselliger Herrenrunde ein Bier oder einen Schnaps zu trinken und sich untereinander auszutauschen. (Nun, bei nur einem Schnaps oder einem Glas Bier ist es selten geblieben, denn sobald einer der Herren eine Tischrunde „schmiss“ (ausgab), war es für die anderen doch Ehrensache, es ihm gleichzutun!)

 

Übrigens fuhr ein Bäckerauto täglich durch Waldfrieden, um das Moorbad mit Backwerk zu versorgen. Von den Dorfbewohnern machte aber meines Wissens nach nur die Lehrerfrau Hüber von dem Service Gebrauch und hängte ihren Brötchenbeutel zum Füllen/Wechseln an den Hofzaun zur Straßenseite hin. Im Allgemeinen backte man ja als „Eigenversorger“/„Selbstversorger“ selbst, wie man auch selbst schlachtete und somit den Fleischer nur sporadisch aufsuchte, vorwiegend für den Erwerb von Frischwurst wie Fleischwurst und Würstchen. Überhaupt war unser Einkauf seit Beginn des Krieges durch der Einführung von Lebensmittelkarten sowie Bezugsscheinen für Bekleidung, Schuhwerk und dergleichen stark begrenzt.

 

In einem Punkt lag Waldfrieden hinter den anderen Ortschaften weit zurück: Es hatte keinen Stromanschluss. Bei der Abstimmung über das Für und Wider der Verlegung einer Stromleitung hatte sich seinerzeit die Mehrheit aus Kostengründen dagegen ausgesprochen. Mein Stiefvater  träumte davon, gleich nach dem Krieg (dem gewonnenen, versteht sich!) auf eigene Rechnung die erforderliche Zuleitung von dem etwa 1 km entfernten Transformatorenhäuschen zu unserem Gehöft legen zu lassen, wie es das Moorbad und das Gut Weidlauken bereits getan hatten.

 

Telefone? Das einzige Telefon, das es bis etwa Mitte der 30-er Jahre im Dorf gab, war das „Öffentliche Telefon“.  Das hatte aber mit den heutigen (und fast schon wieder überflüssigen) Telefonhäuschen absolut nichts gemeinsam. Es handelte sich lediglich um einen in der Lehrerwohnung installierten Telefonapparat, auf den am Schulhaus ein entsprechendes Schild hinwies. Diese Nummer konnte man auch von auswärts anrufen bzw. anrufen lassen, wenn man eine dringende Nachricht an einen Dorfbewohner auszurichten hatte. In Waldfrieden war es die Lehrerfrau, die die Anrufe entgegennahm und die Botschaft dann zuverlässig überbrachte, egal,  wie weit der Fußweg (Abbauten!) auch sein mochte.                                                          

 

Um die Straßenverhältnisse war es in Waldfrieden schlecht bestellt. Bei der Hauptverbindungsstraße von Insterburg über Aulenbach nach Tilsit handelte es sich zwar um eine Asphaltchaussee,

doch lief diese in einer Entfernung von ca. 2 km an Waldfrieden vorbei.  Alle anderen Wege waren unbefestigt und dementsprechend bei Nässe schwer oder kaum befahrbar. Die einzige Ausnahme bildete eine Kies-Chaussee, die von der Asphaltchaussee an der Abzweigung Guttawutschen über Schacken/Schackenau und Tobaken durch das Dorf Waldfrieden zum Moorbad führte. Diese feste Verbindungsstraße hatten wir sicherlich nur der Existenz des Moorbades zu verdanken. So war Waldfrieden nun auch bei durch Regen oder Schneeschmelze aufgeweichtem Untergrund nicht völlig von „der großen, weiten Welt“ abgeschnitten. Nun ja, es passierte schon mehr als einmal, dass mein Stiefvater auf dem Weg von unserem Gehöft zu dieser Kies-Chaussee mit dem Auto stecken blieb und von Pferden abgeschleppt werden musste, oder dass er sich vorsichtshalber gleich zwei Pferde vorspannen ließ. Man war es gewohnt, mit schwierigen Situationen umzugehen. 

 

Im Sommer waren ja die Landwege mit ihren dichten, Schatten spendenden Bäumen zu beiden Seiten der Straße recht idyllisch, und auch im Winter bei Schnee und Frost eigneten sie sich vorzüglich zum Schlittenfahren. Voraussetzung aber war ein ebener Untergrund. Daher ließen die Bauern vor dem ersten Nachtfrost  i h r  Wegstück zum Dorf oder zur Chaussee „abschleppen“: Ein dicker Baumstamm, von Pferden gezogen, walzte den Boden glatt. Hielt die Frostperiode nicht an, wurde die Prozedur zu gegebener Zeit wiederholt. Das war Ehrensache, schon der anderen  Bewohner wegen. 

FOTO 1

 

Überhaupt wurde aufeinander Rücksicht genommen. Jeder respektierte die Rechte des anderen und nahm seine Verantwortung den Mitbewohnern gegenüber ernst. (Natürlich keine Regel ohne Ausnahme.) Ebenfalls pflegte man einen recht regen geselligen Verkehr untereinander. Abgesehen von den normalen Einladungen an Festtagen waren Besuche auch ohne vorherige Absprache üblich und jederzeit willkommen, natürlich stets in der eigenen Gesellschaftsschicht. Generell spielten die Gesellschaftsschichten, die sich nach Besitz oder Rang/Stand richteten, eine bedeutende Rolle in unserem Leben. Erst unter Hitler konnte auch jemand aus den unteren Schichten bei bestimmten Voraussetzungen eine Führungsposition erreichen z.B. bei der Partei oder Wehrmacht. 

 

Veranstaltungen irgendwelcher Art gab es im Ort zwar nicht, doch hatten wir ja das Moorbad, wo an Sommersonntagen stets ein geselliges Treiben herrschte und an jedem zweiten Sonntag eine Kapelle zum Tanz aufspielte (solange erlaubt). Nicht weit war es auch zu Haeskes in Mittel-Warkau. Die zwei an das Kolonialwarengeschäft und Gasthaus angebauten Säle, der eine sogar mit einer Bühne, eigneten sich nicht nur für nationalistische Veranstaltungen, sondern auch für Tanzabende, Filmvorführungen und Theateraufführungen einer Laiengruppe, deren Mitspieler man ja gut kannte und es dementsprechend recht familiär zuging. Ebenso gerne fuhren wir zu Rautenberg nach Aulenbach, wenn dort außer den Versammlungen der SA oder anderer Organisationen Tanzveranstaltungen, Filmvorführungen, Laien-Theateraufführungen und Heimabende angesagt waren. Wollte man allerdings einen bestimmten Film sehen, musste man sich schon nach Insterburg  — drei Filmtheater mit fast täglich je drei Vorführungen  —  auf den Weg machen, was verständlicherweise wegen des Zeitaufwandes und der Kosten für Bahn und Kinokarte nicht oft geschah.

 

Der Friedhof lag ein ganzes Stück außerhalb des Dorfes an der Bahnstrecke Waldfrieden - Tannenfelde, nur durch eine Landstraße von dem Bahndamm getrennt. Abgesehen von den dreimal am Tag vorbeifahrenden Zügen war diese kleine, von hohen Laubbäumen umgebene Anhöhe ein recht friedvolles Plätzchen, zu dem es mich des öfteren auch alleine hinzog. Die Gräber waren gepflegt, die Bepflanzung natürlich dem Klima entsprechend, d.h. für den Sommer setzte man Blumen, doch für den Winter deckte man die Grabstellen nur mit Tannengrün und einem Grabgesteck ab. Während der warmen Jahreszeit ging man an jedem Samstag auf den Friedhof, brachte einen frischen Blumenstrauß hin und 

harkte den Boden um das Grab herum. Die alteingesessenen Einwohner nannten ganze Grabreihen ihr eigen, die für sie auch immer reserviert blieben. Manche waren durch kunstvoll geschmiedete Zäune wie eine kleine Oase vom übrigen Teil abgegrenzt. Ganz alte Gräber dagegen hatten noch keine Grabeinfassung. Da wurden die Grabhügel nur durch immergrüne Bodendecker gehalten. 

FOTO 2

 

b) HÖFE UND IHRE BEWOHNER 

     (Erben bedeutet hier, dass die Eltern/Erblasser schon zu Lebzeiten ihren Besitz an den Erben                          

      abgaben,  also ihn auf dessen Namen überschreiben ließen.)

     (Nummerierung analog Höfeverzeichnis.)

 

B. BAHNHOF: Haltepunkt der Insterburger Kleinbahn, der wohl wichtigste Platz des Dorfes. Dort brachten die Kurgäste und die vielen an Sommersonntagen angereisten Besucher des Moorbades etwas frischen Wind in den Ort. Das Wartehäuschen war eine Wellblechbude, aufgeteilt in einen offenen Warteraum für Fahrgäste und einen verschlossenen Lagerraum, in dem Rollgüter wie Öl- und Benzin-Fässer bis zur Abholung gelagert wurden.

Evtl. FOTO 3 BAHNHOF, ist aber schon an anderer Stelle veröffentlicht, z.B. unter Aulenbach. 

 

11. Dem Bahnhof direkt gegenüber lag PERLBACHS kleiner, schmucker Hof, auf dem zu meiner Zeit aber nur noch MARTHA PERLBACH mit ihrer Mutter wohnte. Wie bei kleinen Anwesen üblich, gab es außer dem Wohnhaus nur noch ein Wirtschaftsgebäude mit Stall und Scheune. Abgesehen vom üblichen Federvieh hielten sich die beiden Damen lediglich eine Kuh und ein paar Schweine, für die sie das Futter direkt hinter dem Hof anzupflanzen pflegten. Besonders die Rüben und Wrucken waren bei unseren weidenden Kühen sehr beliebt (siehe meinen Bericht  „Kühe hüten“). Als Martha im schon etwas fortgeschritteneren Alter den verwitweten Oberinspektor OTTO  ZERULLA vom Rittergut Buchhof heiratete und nach dort in das Inspektorenhaus zog (Mutter schon gestorben?), vermietete sie das Haus an eine Frau HÜBNER  (nicht Hüber!) und deren Mutter. Beide Damen waren ortsfremd und fast ohne Kontakt zu den Dorfbewohnern. Nur der Lehrertochter Hannelein gelang es, zur gepflegten Kaffeestunde im Garten eingeladen zu werden, wozu sie mich als ihre beste Freundin mitnahm. Frau Hübner war die Ehefrau eines Offiziers und wartete in Waldfrieden lediglich auf dessen Heimkehr aus dem Krieg.


Es war wohl im Sommer 1944, als überraschenderweise MARTHA ZERULLA mit ihrem Mann in ihr Elternhaus zurückkehrte und im Spätherbst wie mein Stiefvater dem Evakuierungsbefehl nicht Folge leistete. Am 19. Januar 1945 wurde dann das Ehepaar von uns mit auf die Flucht genommen, da es ja selbst kein Pferdefuhrwerk besaß. Irgendwo unterwegs erblickten sie auf einem Bahndamm einen Zug, der — oh Wunder — abfahrbereit unter Dampf stand. Doch noch ein Zug? Der letzte? Kurzentschlossen nahmen sie ihr Gepäck vom Wagen und rannten den Bahndamm hoch. Zwar wollten sie auch mich mitnehmen, doch ich lehnte ab und blieb lieber im Treck bei meinen Eltern.

 

Nach dem Krieg wohnten Zerullas in München-Riem und besuchten uns auch in der Pfalz. Wir verblieben bis zu ihrem Tod in „treuer, heimatlicher Verbundenheit“.

 

14. Perlbachs/Zerullas gegenüber stand das SCHULHAUS. Als Nachfolger von Lehrer Migge und Lehrer Seeger kam ALBERT HÜBER  1935 mit Frau HELENE und Stieftochter HANNELENE  (HANNELEIN)  nach Waldfrieden (siehe auch meinen Bericht „Volksschule Waldfrieden“). Das Schulhaus bestand aus einem großen Klassenzimmer und der Lehrerwohnung. Es war das einzige Gebäude im Dorf, das an nationalistischen Feiertagen beflaggt wurde. Zum Schulhaus gehörte ein Wirtschaftsgebäude mit Scheune und Stallungen für Schweine, Hühner und eine Kuh, und gleich hinter den Bahngleisen lagen die 2 ha Gemeindeland, die jedem Lehrer zur Nutzung zustanden und bei dessen Bearbeitung die Bauern unentgeltlich mithalfen.

 

Frau Hüber war eine hervorragende Hausfrau und hielt mit Hilfe eines Hausmädchens alles gut in Schuss. Mit den Hausmädchen war es bei vielen Lehrerfamilien so, dass sie eine gute Schulabgängerin aus Arbeiterkreisen einstellten, meistens für die Dauer eines Jahres. Die Mädchen waren froh, gleich in so jungen Jahren, erst vierzehnjährig und ohne jede Ausbildung,

eine Anstellung zu bekommen, bei der sie nicht nur behutsam in das Arbeitsleben eingeführt wurden, sondern auch Gelegenheit hatten, etwas „an Benimm“ wie gute Manieren und Tischsitten dazuzulernen. Denn in einem Lehrerhaushalt ging es üblicherweise sehr gepflegt zu. Ich war bei Hübers oft zu Gast und genoss die ganze Atmosphäre. So betätigte Frau Hüber z.B.beim Mittagessen ein an der Hängelampe befestigtes Glöckchen, um der Hausgehilfin in der durch den Flur etwas abseits gelegenen Küche zu signalisieren, den nächsten Gang aufzutragen.

Durch Frau Hüber kamen auch ein paar neue Bräuche nach Waldfrieden, z.B. der Nikolaustag  — bei uns bis dahin gänzlich unbeachtet  —  mit einem Nikolausteller mit Königsberger Marzipanherzen und dergleichen guten Süßigkeiten. Ebenfalls nicht üblich waren Adventskränze. Frau Hüber nun flocht die schönsten Kränze und hängte uns stets einen ganz besonders großen Kranz, kunstvoll mit rotem, breitem Band und den obligatorischen vier Kerzen geschmückt, an die Decke unseres Klassenzimmers. (Herr Hüber pflegte dann seine Geige aus dem Schrank zu holen, doch leider, leider war sein Spiel kein Ohrenschmaus.)  

 

Bei der Evakuierung Waldfriedens im Spätherbst 1944 —  Herr Hüber war Soldat  —  gingen Frau Hüber und Hannelein nicht nach Mohrungen, sondern zu Verwandten nach Elbing. Von dort aus wollte uns Hannelein noch nach dem 5. Jan. 1945 besuchen, kam jedoch nur bis Insterburg, wo ihr Soldaten dringend rieten, sofort umzukehren. Der nachfolgende Brief meiner Mutter an Frau Hüber, geschrieben acht Tagen vor der Flucht, beschreibt die Verhältnisse in Waldfrieden in jenen Tagen. (BRIEF und Abschrift).

 

Nach dem Krieg wohnten Hübers in Gettorf bei Kiel. Herr Hüber, der nie Mitglied in der Partei gewesen war, durfte sofort wieder als Lehrer arbeiten. Hannelein ging nach Kiel, später nach Hamburg, wo sie u.a. in großen Geschäften als Werbedame für bestimmte Artikel, aber auch als Fotomodell und Statistin bei Filmaufnahmen arbeitete. Sie besuchte uns mit ihrer Mutter in Baden und kam nach deren Tode auch allein zu uns. Unsere enge Freundschaft währte bis zu ihrem Tod.

FOTO 4a und 4b

 

12. Neben dem Hof von  Perlbach/Zerulla lag das Anwesen von EMIL FLEIß, der bis zu seiner Einberufung zum Militär die Stelle des Bürgermeisters von Waldfrieden innehatte. Das Wohnhaus war noch mit Stroh gedeckt. Emil hatte zwei Geschwister: ARTHUR und ANNA, genannt Annchen. Arthur ist der Verfasser des Gedichtes „Mein Heimatdorf Gerlauken“, aus dem ich in meinem Bericht einige Zeilen zitieren werde (Gedicht siehe unter Gerlauken). Arthur verließ Waldfrieden. Sein Aufenthalt blieb unbekannt. Und Annchen, die zusammen mit Emil, dem Hoferben, den Hof bewirtschaftete, ging nach Berlin, als dieser die geschiedene Schneiderin MARTHA RADZUWEIT geb. Schwarz (mit Sohn ALFRED) heiratete. Das Ehepaar hatte zwei Kinder, GÜNTER und CHRISTEL. 

 

Emil Fleiß ist vermisst. Seine Frau und die Kinder wohnten nach dem Krieg in Mecklenburg. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Frau Fleiß drei Monate unter den Russen war, wie man es zu umschreiben pflegte, und viel gelitten hat.

FOTO 5: Martha Fleiß und Frau Schüssler bei einem Ausflug nach Kranz

 

Ohne Nr.    Zwischen der Kies-Chaussee und dem Anwesen von Otto Haller wurde etwa Mitte der dreißiger Jahre eine BARACKE erbaut, die auf dem Messtischblatt nicht eingezeichnet und über deren Verwendung meines Wissens noch nichts veröffentlicht worden ist. Anfangs diente sie den Maiden des Reichsarbeitsdienstes als Unterkunft, danach einer anderen Arbeitsgruppe,  bis eines Tages dort Juden untergebracht, sprich eingesperrt, wurden. Die mussten bei Wind und Wetter, selbst bei Eiseskälte, das Flüsschen Droje verbreitern, bewacht von einem Soldaten mit Gewehr. Darüber an anderer Stelle mehr. Eines Tages war die Baracke leer: Die Juden waren in einer Nacht- und Nebelaktion abtransportiert worden.

 

3. Das letzte Anwesen auf dieser Straßenseite war das Gehöft von HALLERS. Hallers hatten zwei Kinder: OTTO und GERTRUD (Trude), wovon natürlich der Sohn der Hoferbe wurde. Das Wohnhaus hatte durch einen verandaartigen Windfang etwas sehr Einladendes, und der riesengroße Walnussbaum an der Hofeinfahrt übte auf uns Kinder eine große Anziehungskraft aus. Als kleines Mädchen bin ich oft mit meiner Oma Schlack bei Hallers zu Besuch gewesen — solche Nachmittagsbesuche waren beliebt und verliefen wie folgt: Während sich meine Oma mit Oma Haller im Wohnzimmer unterhielt, nahm mich Trude bei der Hand und führte mich in die Küche mit den Worten: „Trautchen, wir zwei machen jetzt mal Kaffee!“ Und dort setzte sie sich dann auf einen Stuhl, klemmte sich die handbetriebene Kaffeemühle zwischen die Knie und begann die Kaffeebohnen zu mahlen. (Wir hatten ja keinen elektrischen Strom.) Hin und wieder durfte auch ich die Kurbel drehen. Herrlich, wenn das erste Kaffeearoma aus der Mühle aufstieg! Wie unpersönlich dagegen die heutige Zubereitung! — Gertrud heiratete einen Angestellten der Landmaschinenwerkstatt Bajorat, den Elektromonteur Kaufmann, und zog zu ihm nach Aulenbach. Otto vermählte sich mit JOHANNA ERDMANN. Diese Hochzeit war ein großes Fest mit vielen festlich gekleideten Gästen. 

 

Otto Haller lebte nach dem Krieg mit seiner Familie in Niedersachsen und verstarb 1975 in Zeven. Seine Schwester Gertrud Kaufmann trafen wir überraschenderweise im Flüchtlingslager Oksbøl/Dänemak wieder. Sie fungierte dort als Zeugin bei einem Dokument, das der ehemalige Aulenbacher Standesbeamte Flötke für uns ausfertigte.

 

2b. Der Baracke gegenüber gab es das zweite strohgedeckte Wohnhaus, Eigentum von DR. BECKER (Vorbesitzer Gustav Steppat mit Altsitzerin Johanna Bernecker). Das kleine, schon recht alt aussehende Haus war in zwei Wohnungen unterteilt und an die beiden Arbeiterfamilien SZILLAT und KRINK vermietet. Beide Männer wurden als tüchtige, ehrenhafte Tagelöhner nicht nur gerne von meinem Vater, sondern auch von anderen Bauern beschäftigt. Frau ROSA SZILLAT stammte aus der Schweiz und war eine sehr sangesfreudige, lebensbejahende und in allen Arbeiten geschickte Person. Besonders bei den tagelangen Vorbereitungen für größere Feste wollte meine Mutter nicht auf ihre Mithilfe verzichten. Der Sohn HEINZ, in der Schule zwar nicht der Klügste, war ansonsten doch ein recht gewieftes Bürschchen und von meinem Bruder Egon als Kumpel sehr geschätzt. 

 

Für Herrn ALBERT SZILLAT begann mit der Belegung der Baracke durch die Juden ein neuer Lebensabschnitt. Der stark übergewichtige Mann wurde als eine Art Koch mit der Verpflegung

der erbarmungswürdig halb verhungerten Juden betraut. Nein, man schaute nicht genau hin!  Nach deren Abtransport bekam Herr Szillat eine neue Aufgabe und zwar die eines Aufsehers  — oder was? Man hat es nie genau erfahren — in dem nach dem Polenfeldzug neu errichteten „General-Gouvernement“. Stolz zeigte er bei seinen Heimatbesuchen goldene Uhren und Armbänder herum und brüstete sich damit, alles beschaffen zu können. Ich wollte ihn auf die Probe stellen, und tatsächlich, er brachte mir ein Paar Lederstiefel mit, angefertigt nach meinen Maßen. Das war etwas, das ich in jenen Kriegsjahren in Deutschland nicht mehr bekommen hätte.  Eines Tages war Herr Szillat tot  —  erschlagen.  Seine Leiche wurde nicht nach Waldfrieden überführt. 

 

Nach dem Krieg lebte Frau Szillat eine Zeitlang in der Schweiz, bevor sie mit Sohn Heinz, der den Krieg als Soldat überstanden hatte, in Waldshut sesshaft wurde. Als ich 1958 in jene Gegend kam, habe ich sie als damals Dreißigjährige besucht und staunte, wie sehr die einstigen doch großen Standesunterschiede zusammengeschrumpft waren. Sie lebten in einer schönen, großen Wohnung, ausgestattet mit geschmackvollen Möbeln und gutem Porzellan, und die Bewirtung war hervorragend. Heinz hatte eine gute Arbeitsstelle, eine flotte, tüchtige Frau und zwei erfolgreiche Töchter. 

FOTO 6a u.b

 

 

2a. Hinter Szillats/Krinks kam ein kleines Gehöft mit Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude, das einst dem Fleischermeister Otto Grotzeck gehörte. Als es DR. BECKER  kaufte, richtete er in dem Haus fünf Wohnungen ein und vermietete sie an die Arbeiterfamilien NOLDE, KALLWEIT,  SARUNSKI, PIERAGS (Briefträger) und NAUJOKS . Einer der Vormieter war eine Familie SEIDENBERG, die sich 1935 ein eigenes Anwesen in Schwägerau kaufen konnte. Auf dem Hof  ging es mit den vielen Kindern immer recht lebhaft zu.

FOTO 7

 

Nach dem Krieg wurde einer von Noldes Söhnen Lehrer in der ehemaligen DDR. Herr Naujoks ist als Soldat vermisst, seine Tochter Renate, jetzt Becken, wohnt in Rudolstadt.

 

13. Um mit unserem Heimatdichter Arthur Fleiß zu sprechen: „Am Ausgang des Dörfchens man noch ein Häuschen fand, da wohnt Frl. Ettig, auch Blumenlieschen genannt.“ 1929 kaufte FRANZ  PETRAUSKE den Hof. Als Kriegsinvalide aus dem 1.Weltkrieg mit einem Holzbein hatte er Schuhmacher gelernt, und so betrieb er auch in Waldfrieden eine Zeitlang eine Schuhmacherei, bis er sich ganz der Landwirtschaft zuwandte und seinen kleinen Besitz durch Pachtland und Landzukauf (2,5 ha vom Gut Weidlauken) vergrößerte. Petrauskes hatten zwei Kinder, KURT und ELLI, und lebten äußerst zurückgezogen. Sie gehörten der neuapostolischen Gemeinde an, die in Aulenbach ihren Gemeindesaal hatte. Interessant, aber von der Umwelt als Spielerei angesehen, war der hinter dem Hof errichtete „Windmotor“, der, wie ich erst heute von Elli erfuhr, in der Lage gewesen sein soll, ausreichend Strom für den Eigenverbrauch zu erzeugen. Kurt war der begabte Konstrukteur desselben. Er hatte in der Landmaschinenwerkstatt Bajorat in Aulenbach gelernt und eine Flugmodellbauschule besucht. Er scheint wirklich ein cleverer Tüftler gewesen zu sein, denn er war auch der einzige im Dorf, der sich aus Brettern so etwas wie Skier anfertigte und damit bei Schnee mangels geeigneter Abhänge durch die Gegend stapfte, was uns in unserem Flachland zu damaliger Zeit doch recht „exotisch“ vorkam. 

 

Bei der Evakuierung Waldfriedens nach Mohrungen im Spätherbst 1944 mussten sich Petrauskes von meinem Vater ein Pferd leihen, da sie selbst nur eins besaßen. Herr Petrauske kam noch einmal nach Waldfrieden zurück; denn auf einen wahnwitzigen „Befehl von oben“ musste er sich wie alle Männer mit einem Fuhrwerk am 10. Januar 1945 dem sogenannten „Dreschkommando“ anschließen, das nach Hause zum Dreschen zurückkehren sollte, während Frauen und Kinder in Mohrungen zurückblieben. Nun, zum Dreschen kam es nicht mehr. Herr Petrauske hatte gerade noch Zeit, einiges aus dem Haus und von den im Herbst vorsorglich vergrabenen Sachen auf das Fahrzeug zu werfen, bevor er wieder umkehren musste — der Russe stand kurz vor Aulenbach. Der Russe stand nicht nur kurz vor Aulenbach, sondern kurz darauf auch vor Mohrungen, wo Frauen und Kinder nun ohne Pferd und Wagen dastanden und verzweifelt auf die Rückkehr der Männer warteten, so auch Frau Petrauske mit Tochter Elli. (Sohn Kurt war Soldat.) Die Züge waren überfüllt, es gab kein Wegkommen. Als sie wieder einmal vom Straßenrand aus auf den vorbeiziehenden Treck starrten, entdeckten sie unter den vielen Wagen plötzlich auch den ihren … Sie kamen bis Mecklenburg.

 

Kurt fiel im Herbst 1944 bei den Kämpfen um Stallupönen/Ebenrode. Elli, jetzt Elli Bendig, vier Kinder, lebt noch heute, 94-jährig, in Gadebusch,Mecklenburg. Ich stehe mit ihr in Verbindung.

 

1.  „Im Osten des Dorfes, wo der Himmel so blau,

      da wohnt der Nachbar P A N S E G R A U.

      Weil das Grundstück nicht nach seinem Geschmack,

      vertauscht er es mit Gutsbesitzer  S C H L A C K.“

 

So heißt es in dem Gedicht „Mein Heimatdorf Gerlauken“, und tatsächlich tauschten 1927 meine Eltern JONATHAN (JONAS)  und ELLA SCHLACK ihr Gut Olschöwen/Kamen, Kreis Angerburg gegen den Hof Pansegrau in Gerlauken/Waldfrieden. Der Grund hierfür wäre wieder eine Geschichte für sich. Jedenfalls haben meine Eltern den Differenzbetrag/Ausgleichsbetrag in Höhe von 20.000,- RM, den Pansegraus meinen Eltern schuldeten und der als Hypothek auf ihr Grundstück, nun Gut Olschöwen, eingetragen war, nie bekommen. Als meine Mutter den Betrag 1950 bei der Berechnung des Lastenausgleichs geltend machte und auch den Hypothekenbrief vorlegte, teilte das Lastenausgleichsamt Kusel ihr mit, diese Forderung könne  n i c h t  mehr bestanden haben, nachdem Pansegraus in die U m s c h u l d u n g  gegangen seien.

 

Es waren drei Generationen der Familie Schlack, die 1927 nach Gerlauken kamen: meine Eltern, meine beiden Brüder HERBERT (6 J.) und EGON (4 J.) und meine Großeltern HEINRICH und WILHELMINE  SCHLACK. Letztere erhielten Altenteil. Sie waren stets ein wichtiger Teil der Familie. Es wurde zusammen gearbeitet und gefeiert, zusammen gelacht und getrauert. 

FOTO 8a und 8b

 

Zusammen getrauert? 1932 verunglückte mein Vater (34 J.) tödlich mit seinem Motorrad vor der Mühle Schiemann in Aulowönen. Damals wie heute: Nach einem Todesfall sind viele Dinge zu erledigen. In Ostpreußen musste gleich mit den Vorbereitungen für die Bewirtung der vielen, vielen Trauergäste begonnen werden. Der Sitte entsprechend, kamen die Frauen aus dem Dorf sofort zum Kondolieren und brachten Backzutaten wie Eier und Butter mit. Es war eine große Beerdigung. Kameraden des „Stahlhelms“ eskortierten den Leichenzug und trugen den Sarg. FOTO 8c in Ihrem Besitz.

 

Zwei Jahre danach heiratete meine Mutter den 38-jährigen, noch ledigen MAX BRANDSTÄTER , Besitzer eines kleinen Grundstücks in Tannenfelde, der sich auch als selbständiger Bauunternehmer zu betätigen pflegte und sofort damit begann, unsere Stallungen in Waldfrieden zu vergrößern. Nachdem seine pflegebedürftige Mutter (Altenteil!) ebenfalls bei uns ein neues Zuhause gefunden hatte, wurde das Haus in Tannenfelde von zwei Familien bewohnt, die bei Bedarf bei uns arbeiteten, aber auch wie Deputanten Getreide und Land zum Anbau von Kartoffeln und dergleichen bekamen, inklusive Stall- und Gartennutzung. Die Felder wurden von Waldfrieden aus bearbeitet. 

 

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, kam mein Stiefvater dem Evakuierungsbefehl im Spätherbst 1944 nicht nach. Somit feierten wir das Weihnachtsfest 1944 noch zu Hause, wobei „feiern“  wirklich nicht der richtige Ausdruck ist. Unsere Familie war klein geworden: meine beiden Brüder gefallen  —  Egon 1942 kurz vor seinem 19. Geburtstag in Russland, Herbert 1944 auf dem Rückzug in Italien  —  und Oma Schlack, die nach dem Tode ihres Ehemannes noch einmal geheiratet hatte, lebte nun in Insterburg. Am 19. Januar 1945 dann die überstürzte Flucht …

 

Im Flüchtlingslager Oksbøl in Dänemark, wo wir 3 ½ Jahre „hinter Stacheldraht“ lebten, trafen wir auch eine unserer Arbeiterfrauen aus dem Haus Tannenfelde wieder. Welch eine Überraschung: Diese Frau, die in Ostpreußen so stark gestottert hatte, dass es fast weh tat, ihr zuzuhören, stand uns hier recht selbstbewusst gegenüber und  — oh,Wunder! — stotterte plötzlich nicht mehr! Jetzt waren wir ja alle arm, jetzt besaßen wir alle nicht mehr als höchstens zwei Koffer, eine Tasche und eine Decke, jetzt standen wir alle mit einem „Blechnapf“/Kochgeschirr bei der Essensausgabe vor der großen Lagerküche an.

 

Bei unserer Rückführung nach Deutschland (Herbst 1948) wurden wir in die Pfalz (französische Zone) eingewiesen, wo es meinem immer rührigen Stiefvater gelang, ein Wirtschaftsgebäude preisgünstig zu erwerben und in Eigenregie in ein nettes, kleines Wohnhaus umzubauen. 1966 zogen meine Eltern dann zu mir nach Baden und waren wie früher die Altsitzer in Ostpreußen ein wichtiger Bestandteil unseres Drei-Generationen-Haushalts (jetzt aber ohne Altenteil).

 

Meine Großmutter Schlack/Kömling, hatte der Krieg an die Küste von Schleswig-Holstein gespült, während ihr 2. Mann auf der Flucht gestorben war. Als ich 1950 das nötige Fahrkartengeld beisammen hatte, machte ich mich sofort zu ihr auf die Reise und habe auch später mit meiner Familie jeden Sommerurlaub bei ihr an der Eider-Mündung verbracht. Oma blieb sich bis zu ihrem Tode mit 94 Jahren treu: Wie in Ostpreußen sparte sie jeden Pfennig für die Nachkommen, und das war in diesem Falle ich als ihr letztes Enkelkind.

 

 

7.  In einer Entfernung von etwa zwölf Gehminuten vom Dorf lag an der Kies-Chaussee in Richtung Tobacken das Gehöft der GESCHWISTER PERLBACH. Es handelte sich um eine Erbengemeinschaft, über die wohl niemand in Waldfrieden etwas Näheres wusste. Denn die Schwestern und Brüder (wie viele eigentlich?) waren menschenscheu, im wahrsten Sinne des Wortes, und ließen keine Kontaktaufnahme zu. Sobald sich jemand ihrem Hof näherte, versteckten sich die Frauen flugs im Haus, während einer der Männer den Besucher schon am Hofeingang abfertigte. Ich kann sagen, dieses ist das einzige Anwesen in Waldfrieden, das ich nie betreten 

habe bzw. durfte. 

 

8. Hinter dem Besitz der Geschwister Perlbach in Richtung Tobacken befand sich SCHÜSSLERS schönes Gehöft, abgetrennt von der Kies-Chaussee nur durch einen von einer dichten Hecke  umschlossenen Garten. Dieser Garten mit den schönen Äpfeln und den vielen Bienenkörben zog mich immer an. Die Bienenzucht war das Hobby des alten Herrn CARL SCHÜSSLER. Harald Müllerbuchhof nennt ihn in seinen Memoiren „Onkel Bienert“.  

 

Schüsslers hatten zwei Söhne: ERNST und FRITZ. Ernst war der Hoferbe, und ich nehme an, dass er deshalb als Soldat erst einmal in Waldfrieden zum Einsatz kam: In Uniform und mit umgehängtem Gewehr musste er die Juden zu bewachen, die die Droje zu verbreitern hatten. Ein Zufluss der Droje führte ja auch durch unser Land und sogar unmittelbar hinter unserer Scheune vorbei. Es war nun Ernst Schüssler, der es „übersah“, wenn mein Bruder Herbert beim Vorbeifahren aus einem absichtlich geöffneten Sack Kartoffeln für die Juden vom Wagen rollen ließ. Und als die Armen dann direkt hinter unserer Scheune  arbeiteten, „übersah“ es Ernst auch, wenn sich einige von ihnen in die warme Futterküche schlichen, um sich zu wärmen und sich ein paar gekochte Kartoffeln aus dem Kartoffeldämpfer zu nehmen. — Nachdem die Juden abtransportiert worden waren, wurde Ernst an die Front geschickt und gilt als vermisst.

 

Seiner Frau ELLI SCHÜSSLER mit vier Kindern und Schwiegervater gelang es, mit Hilfe ihres französischen Kriegsgefangenen bis nach Mecklenburg zu kommen. Als es dann später den Bürgern der DDR, vornehmlich den Rentnern, gestattet wurde, nach Westdeutschland auf Besuch zu kommen, machte Frau Schüssler davon regen Gebrauch und besuchte uns mehrmals in der Pfalz. (Übrigens zahlte die Bundesrepublik damals jedem Besucher aus der DDR ein sogenanntes Begrüßungsgeld in Höhe von 30,- DM, um solche Besuche zu erleichtern; denn die DDR-Bürger durften nur 70,- (Ost-)Mark  ausführen.)  Bei einem dieser Besuche lernten wir auch die sehr netten Kinder kennen. Tochter Marlies, später Lehrerin in der DDR, schickte mir danach wiederholt  sehr schöne Handarbeiten und hielt mich auch später auf dem Laufenden, als ihre Mutter schon zu krank war, um noch selber schreiben zu können. 

FOTO 9

 

FRITZ SCHÜSSLER, Soldat, nach Beendigung des Krieges nach Westdeutschland entlassen, besuchte uns um 1950 herum in der Pfalz. Er war inzwischen in der Lüneburger Heide verheiratet und befand sich nun auf der Suche nach einer neuen Heimat. Wir wohnten zu der Zeit in der „Rehweiler Mühle“/ Kreis Kusel, und Fritz erhielt von der Mühlenbesitzerin die Erlaubnis, sich im Dachgeschoss des zweistockigen Wohnhauses eine Wohnung auf eigene Kosten auszubauen.  Obgleich wir selbst sehr beengt in nur zwei Räumen lebten, war es für meine Eltern  selbstverständlich, den ehemaligen Nachbarn aufzunehmen, um es ihm so zu ermöglichen, sein Vorhaben auszuführen. (Er schlief in unserer Küche auf einem Klappbett.) Als die Wohnung nach wochenlanger, knochenharter Arbeit fertig war, holte Fritz seine Frau Gesche, seine Stieftochter Gerda und auch seinen Vater Carl Schüssler nach.

FOTO 10: Einweihungsfeier der neuen Wohnung.

 

Einige Jahre darauf gelang es Fritz, ein kleines Grundstück in Hertlingshausen, bei  

Grünstadt in der Vorderpfalz zu erwerben. Klar, jeder Ostpreuße strebte danach, etwas Eigenes zu besitzen!

 

6. Im Westen des Dorfes, an der Straße nach Schuppingen, lag in Nähe des Waldes (Moorbad) das schöne Anwesen von KARL MOSEL.  Es war der größte Bauernhof des Ortes und hatte auch ein Insthaus. Von den drei Kindern, zwei Jungen und ein Mädchen, war HERBERT der Hoferbe und bekam somit noch zu Lebzeiten der Eltern den Besitz überschrieben. Bei Besuchen meiner Eltern war ich immer dabei, denn obgleich Herbert Mosel und seine Frau DORA noch keine Kinder hatten, schloss eine Einladung stets die ganze Familie ein. Am nachhaltigsten imponierte mir der Schaukelstuhl, in dem der alte Herr Mosel in seinem Zimmer zu ruhen pflegte, als er schon zu schwach war, um an der allgemeinen Gästetafel zu sitzen. Wie schon öfter gesagt, blieben die alten Herrschaften immer ein geschätzter Teil der Sippe, und als Gast versäumte man nie, auch sie aufzusuchen.  

   

Wie bei Insthäusern üblich, war auch auch bei Mosels das Insthaus durch eine Straße von den Hauptgebäuden getrennt. Das Haus hatte vier Wohneinheiten, in denen zu meiner Zeit die Deputanten-Familien KAUN, STEGMANN  und  PERLBACH lebten. Nach dem Gedicht von Arthur Fleiß kann die vierte Familie Lörchner, Sternberg oder Migat geheißen haben.  

      

8.  Am Waldrand, in unmittelbarer Nähe des Moorbads, befand sich ein schmuckes Häuschen, das FRITZ KRÜGER gehörte. Er war der Sohn des Ehepaars Friedrich Krüger, das das Moorbad gegründet und später an Dr. Becker verkauft hatte. Bei ihm wohnte BERTHA OHLENDORF. Mein Stiefvater hielt mit beiden Verbindung, konnte er sich doch noch an die Anfänge mit der einfachen Moorwanne im Freien erinnern. Das Moorgebiet lag ja zwischen seinem Heimatdorf Papuschienen (Tannenfelde) und Gerlauken (Waldfrieden). Außerdem war Fritz Krüger in seinem Alter, während Martha Ohlendorf (geb.1873) wie er in Papuschienen (Tannenfelde) auf die Welt gekommen war. Wenn wir zum Moorbad gingen, schauten wir öfter auch bei ihnen vorbei.

Nach der Flucht lebte Fritz Krüger in Niedersachsen.

 

2c.  „Dann geht man weiter über Berg und Höh’n,

da ist das Grundstück des Herrn  P R E U S S  zu seh’n,

und bei ihm mit frohem Sinn,

leben noch Altsitzer L E I N E R T darin.“

In diesen Zeilen von Arthur Fleiss liegt sehr viel dichterische Freiheit. Denn wo gab es in  Waldfrieden Berge und Höhen? Natürlich ist selbst in einem Flachland ein Feld mal etwas höher oder tiefer gelegen, doch der einzige Abhang in Waldfrieden war der „Rodelberg“ auf dem Schulland zur Droje hin. Nein, das Grundstück des Herrn Preuss lag an der Kies-Chaussee in Nähe des Moorbads und wurde zu meiner Zeit nur Leinerts Grundstück genannt.  Dass der neue Besitzer DR. BECKER hieß, spielte bei der Namenzuordnung anscheinend keine Rolle und wäre wegen der anderen zwei Höfe, die Dr. Becker in Waldfrieden erworben hatte, auch nicht eindeutig gewesen. 

Ausser dem Altsitzer-Ehepaar LEINERT wohnten in dem Haus die Familien ZWILLUS und SCHWARZ. Herr Zwillus und Herr Schwarz waren Tagelöhner, die bei Bedarf auch bei uns arbeiteten. Eine Tochter des Ehepaars Schwarz, MARTHA RADZUWEIT mit Namen, war Schneiderin, und zwar eine ideenreiche, gute Schneiderin, zu der ich gerne gegangen bin. So tat es mir fast leid, dass sie Emil Fleiß heiratete und dadurch ihren Beruf aufgab.  

 

15. Das MOORBAD WALDFRIEDEN war das Prunkstück Waldfriedens. Die hellen Gebäude hoben sich weit sichtbar vom dunklen Grün der hohen Tannen ab. Hier suchten Rheuma- und Gichtkranke Besserung oder sogar Heilung und, wie es hieß, mit recht gutem Erfolg. Wie es dazu gekommen ist, dass in dieser Abgeschiedenheit ein über Ostpreußens Grenzen hinaus bekanntes Heilbad entstanden ist, lese man bitte in den entsprechenden Veröffentlichungen nach. Ich will es hier nur aus meiner Sicht schildern.

 

Während die Kurgäste wochentags ganz unter sich waren und neben den Wannenbädern mit dem radiumhaltigen Moor und der anschließenden Ganzmassage des Bademeisters Borchert die gute Waldluft und den tiefen Frieden genossen — nein, Abwechslung irgendeiner Art gab es nicht — , strömten an sommerlichen Sonntagen Erholungssuchende aus allen Richtungen herbei, hauptsächlich mit dem 11 Uhr-Zug aus Insterburg. Zu Fuß ging es durch das kleine Dorf und dann ca. 15 Minuten weiter auf der Kies-Chaussee zum Moorbad. Abends dann alles in entgegengesetzter Richtung, um den Bimmelzug der Kleinbahn um 17:30 Uhr zu erreichen.

(Über die „Olga-Bahn“ lese man an anderer Stelle.)

 

Das Moorbad zog natürlich auch uns Anwohner an. Voller Stolz wurde es jedem unserer Sonntags-besucher präsentiert. Es war der einzige Platz, wo „etwas los war“, und ich — oh Wonne! — meine obligatorische Flasche Limonade und Tafel Schokolade bekam. Was habe ich doch als kleines Kind meine Eltern an Sonntagen, an denen wir keine Gäste erwarteten, gequält, mit mir hinzugehen! Schon morgens begann ich damit, sie mit folgendem Verschen zu animieren:

„In Waldfrieden ist es heiter, in Waldfrieden ist es schön,

darum rat’ ich einem jeden, nach Waldfrieden hinzugeh’n!“

 

Das Moorbad war wirklich ein schönes Fleckchen Erde. Mich begeisterte besonders der kleine Tierpark mit Affen, Eulen, Eichhörnchen, Fasanen, Füchsen, Mardern und Iltissen (oh, wie es stank!). Dann gab es noch das Freigehege  mit Hirschen und Rehen. Nicht unerwähnt lassen will ich das große, begehbare Vogelhaus in Art eines Wintergartens an der Giebelseite des Restaurants. Obligatorisch war ein Waldspaziergang. Ich lese: “Auf sauber angelegten Wegen schritt man auf dem weichen Teppich des leise, fast unmerklich schwankenden Moorbodens tiefer und tiefer in den ursprünglichen Wald. Oft sah man auf beiden Seiten das unheimlich schwarze Wasser ungewisser Tiefe.“ Nun, soweit sind die Kurgäste wohl nie gekommen, und auch die Sonntagsspaziergänger verließen selten die bequemen Rundwege; denn dahinter erwartete einen tatsächlich eine beängstigende Stille und eine tiefe, tiefe Einsamkeit. Zu beiden Seiten der nun schmalen Pfade stand das bedrohende Dunkel des Moorwassers. Es galt, über Querhölzer zu balancieren, die je nach Witterung glitschig sein konnten. Jedesmal, wenn ich versuchte, allein diesen Teil zu erkunden, packte mich plötzlich die Angst, und ich flüchtete zurück in den hellen, belebten Bereich des Moorbades. 

 

Im Dachgeschoss des Badehauses befand sich die Wohnung des Bademeisters EMIL BORCHERT. Das Ehepaar hatte drei Kinder. Außer WALTRAUD und WERNER gab es eine behinderte Tochter, die weder gehen noch sprechen konnte und mit 14 Jahren in einem Heim verstarb. Borchers gehörten zu unserem Freundeskreis, und wenn wir sonntags oder abends, also außerhalb der Behandlungszeit, auf Besuch waren, durften wir Kinder im ganzen Badehaus wie die Wilden herumtollen. Es war ein einmaliger Spaß, dort auf dem langen Flur mit den vielen Räumen „Fangen“ zu spielen. Durch eine Tür ging es in das Bad mit der schwarzen, hölzernen Moorwanne und der Dusche, durch eine Verbindungstür in den sich angrenzenden Ruheraum mit der Massage- und Ruheliege, und durch eine zweite Tür wieder hinaus auf den Gang. — Leider starb Frau Borchert sehr früh. Herr Borchert heiratete noch einmal. Auch seine 2. Frau war sehr liebenswert und den Kindern eine gute Stiefmutter.

FOTO 11

 

Neben dem Badehaus wohnte der Verwalter und Gärtnermeister Herr CZIELINSKY (?) mit Frau und Tochter, während Gastwirt GOETZ  der Pächter des Restaurants und des „Waldhauses“ war. Die Namen der Beschäftigten in Küche, Badebetrieb, Stallungen usw. sind mir nicht bekannt.

 

Die Kriegsereignisse wirkten sich auch auf das Moorbad aus. Die erste große Umstellung gab es vor dem Russlandfeldzug, als im Frühsommer 1941 in Ostpreußen die Truppen aufmarschierten und — wie man uns glauben machte — das Moorbad zum  F ü h r e r h a u p t q u a r t i e r   werden sollte. Die Kurgäste mussten abreisen, die Bewohner wie Borchers, Czielinskys, Rudats (Post) wurden zwangsumquartiert und die ganze Anlage zum Sperrgebiet erklärt. Meine Freundin Hannelein und ich wagten uns einmal bis an dessen Rand vor, doch was wir erspähten, war enttäuschend: ein mit Tarnnetzen und Tannenzweigen abgedeckter Panzer, ein paar in Stellung gebrachte Geschütze und ein MG auf dem Dach des „Sonnenhauses“ (zur Fliegerabwehr?). Wo sollte eigentlich der Fieseler Storch landen, den man ja immer mit Hitler in Verbindung brachte? — Erst heute, 75 Jahre nach jenen Ereignissen, erfahre ich glaubhaft von kompetenter Seite, dass man den Anwohnern Waldfriedens seinerzeit ein Märchen erzählt habe. Es habe sich keineswegs um das Führerhauptquartier gehandelt, sondern lediglich um das Hauptquartier einer Armeegruppe. Fest steht, dass dieses Hauptquartier, für was auch immer gedacht, nie genutzt wurde und die Bewohner wieder ins Moorbad zurückkehren durften.  

 

Irgendwann danach war das Moorbad ein Erholungsheim/Genesungsheim für Soldaten. Die Dorfbewohner tuschelten darüber, dass außer den Ehefrauen auch die Freundinnen dort übernachten durften.

 

Als die Luftangriffe auf Insterburg stärker zu werden begannen, verlegte man einen Teil des  Städtischen Krankenhauses ins Moorbad. Da sich auch unsere Hausschneiderin unter den Patienten befand, hatte ich einen Anlass, bei einem Besuch meine Neugierde zu stillen. Der Chefarzt Dr. Wilcke war ein gern gesehener Gast in meinem Elternhaus, und da er meine Liebe zu Hunden bemerkt hatte, schenkte er mir zu meiner Konfirmation an Ostern 1944 einen Dackel.

 

Nach der Evakuierung Waldfriedens im Spätherbst 1944 diente das Moorbad als Feldlazarett. Wie erstaunt waren wir, als wir am 17. Januar 1945 zu einer kostenlosen Filmvorführung nach dort eingeladen wurden, hatte es doch bis dahin keinerlei Kontakt mit den Verwundeten gegeben. In jener trostlosen Zeit bin ich nur zu gerne hingegangen, aber natürlich nicht allein, sondern in Begleitung unseres deutschen Dienstmädchen Erika und der „Milchschmeckerin“ — einer jungen Frau, die gerade die Milchmenge und den Fettgehalt der Milch unserer Kühe zu prüfen hatte. Zu meiner Verwunderung zeigten sich die Verwundeten unbesorgt, es herrschte keinerlei Aufbruchstimmung — und das alles zwei Tage vor unserem Schicksalstag, dem 19. Januar 1945!

 

Nach der Flucht hatte Herr Borchert zusammen mit seinem Sohn Werner einen Massagesalon in Hamburg. Seine 2. Frau war während der Flucht in Kopenhagen gestorben. Werner machte sich auch auf Sylt selbständig, wählte aber wegen finanzieller Schwierigkeiten den Freitod. Waltraud Borchert, jetzt Waltraud Paeger, war in Pohlheim/Hessen verheiratet und hatte zwei Söhne und eine Tochter. Da sie drei Jahre älter als ich war und über ein gutes Gedächtnis verfügte,

konnte ich viele Informationen von ihr bekommen. Wir blieben Freundinnen bis zu ihrem Tode im Jahre 2012. Mit ihrer Tochter Gisela Willert in Pohlheim, stehe ich noch in Verbindung.

 

 

5. Im Norden Waldfriedens, etwa 15 Gehminuten vom Dorf entfernt, lag das GUT WEIDLAUKEN, später zwar umbenannt in GUT WEIDEN, doch fand dieser neue Name keinen Einlass in unseren Sprachgebrauch. Der Besitzer dieses großen, schönen Anwesens war ERNST LÖRCHNER.  Seine Schwester ILSE heiratete den verwitweten Gutsbesitzer Franz Scharffetter aus Kallwischken. Abgesehen von den Schulkindern der Deputanten aus den beiden Insthäusern lag das Gut Weidlauken außerhalb unseres Dorfgeschehens. Lörchners pflegten mit niemandem im Dorf gesellschaftlichen Verkehr, gehörten sie doch einer höheren Gesellschaftsschicht an. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Herrn Lörchner, wie er mit umgehängter Flinte (Jagdpächter) in Begleitung seines Windhundes über die Felder schreitet, oder wie er am Bahnhof Waldfrieden auf den Zug wartet, jetzt zwar ohne Flinte, aber doch in Begleitung seines Hundes, und dann stets auch auf mich (Fahrschülerin) zukommt, mir die Hand gibt und ich meinen obligatorischen Knicks mache. (Später als Jungmädel-Führerin werde ich es sicher bei einem Händedruck belassen haben.) Gefreut hat es mich, dass mir Lörchners zu meiner Konfirmation ein Geschenk schickten.

 

Nach der Flucht wohnten Lörchners bei Bremen.

 

4.   Ein Stück hinter dem Gut Weidlauken befand sich das GUT GRÜNDANN. Es lag schon auf der Höhe von Tannenfelde, nur durch die Bahnstrecke vom Dorf getrennt. Der Besitzer des Gutes war die Erbengemeinschaft KUBERT,  der Pächter MAX SINNHUBER. Sinnhubers hatten zwei Söhne und eine Tochter, mit denen ich manchmal gespielt habe. Sie waren aber jünger als ich. 

Herr Sinnhuber hatte in den letzten Kriegsjahren das Amt des Bürgermeisters inne, da Emil Fleiß  eingezogen worden war. Das bedeutete, dass wir nun bei Sinnhubers sowohl die Lebensmittelkarten als auch Genehmigungen  für Schlachtungen und Bezugscheine für Schuhe und Bekleidung abholten. — Ich erinnere mich an die Weihnachtszeit 1943, als meine Eltern und ich mit der Lehrerfamilie Hüber bei Sinnhubers zu Besuch waren. Klar, dass Hannelein und ich von der Gastgeberin aufgefordert wurden, ein Weihnachtsgedicht aufzusagen. Hannelein wählte ein herkömmliches, ich ein zeitgenössisches  mit nationalsozialistischem Gedankengut und war mir sicher, damit gut anzukommen. Irrtum: Das herkömmliche Gedicht mit christlichen Motiven fand mehr Beifall.  

Nach dem Krieg wohnten Sinnhubers in der Gegend von Bremen. Als ich gestern versuchte, die älteste Tochter BRIGITTE  anzurufen, um von ihr mehr Informationen für diesen Bericht zu bekommen, kam die Telefonverbindung nicht mehr zustande: Brigitte ist vor etwa vier Wochen verstorben.

 

 

 

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